Sofia (2018)

Frauenrechte in Marokko

Eine Filmkritik von Maria Wiesner

Doch Lena studiert Medizin und ahnt schon, dass das nicht die volle Wahrheit ist. Als sie in der Küche den Bauch der Cousine abtastet, sagt sie: „Ich glaube, Du bist schwanger.“ Sofia geht zur Spüle, wäscht stumm weiter ab, als hätte sie den Inhalt der Worte nicht verstanden. Sie hat ihre Schwangerschaft bis jetzt vor sich selbst komplett verleugnet. Dann platzt ihre Fruchtblase und Lena wird sie ohne das Wissen der Eltern ins Krankenhaus fahren.

Die marokkanische Regisseurin Meryem Benm’Barek-Aloïsi beginnt ihren Film Sofia mit diesem Prolog. Danach setzt sie eine schwarze Tafel, die den Paragraphen zitiert, nach dem außerehelicher Sex in Marokko für beide Partner strafbar ist. Bis zu 5 Jahre Gefängnis drohen als Strafe. Anhand ihrer Protagonistin, der jungen Sofia, spielt sie durch, was mit denen geschieht, die sich nicht an das Verbot halten.

Lena klappert mit Sofia mehrere Krankenhäuser ab, denn auch die machen sich strafbar, wenn sie uneheliche Kinder zur Welt bringen lassen. Ein befreundeter Mediziner überlässt Lena dann ein Krankenzimmer, in dem sie ihrer Cousine bei der Geburt hilft. Es folgt die Suche nach dem Vater, einem ehemaligen Kollegen Sofias, der in einem ärmlicheren Teil der Stadt wohnt. Natürlich findet Sofias Familie schnell heraus, was passiert ist. Sie ist nicht so sehr religiös als vielmehr erzkonservativ. Darüber können auch das moderne Haus der Schwester mit den vielen schlanken Linien und Designermöbeln nicht hinwegtäuschen. Es folgen also die Anschuldigungen, Schande über die Familie gebracht zu haben, und die Furcht, dass nun der Ruf ruiniert ist und damit auch das aussichtsreiche Projekt. Eine Lösung muss her, nur eine Hochzeit kann Sofia und die Ehre der Familie retten. Doch der Vater des Kindes weigert sich.

Maha Alemi spielt Sofia als verschlossene junge Frau. Stumm und eindeutig traumatisiert. Es wäre leicht, Sofia für naiver und einfältiger zu halten als die anderen Frauen in diesem Film. Im Gegensatz zu ihrer Cousine studiert sie nicht, sondern arbeitete in einem Call Center. Und dort feuerte man sie, weil ihr Französisch zu schlecht war. Worte liegen ihr nicht. Nur zwei Mal wird sie laut werden und ihre Meinung sagen. Und diese zwei Mal haben es dann in sich und zeigen, dass die junge Frau ihre Situation weitaus besser durchdacht hat, als man vermutet hatte.

Die Kunst Benm’Barek-Aloïsis ist es, aus dieser Figur auch ohne viele Worte eine aktive Protagonistin zu machen. Auch wenn Sofia das Opfer einer repressiven patriarchalen Politik und Gesellschaft ist, muss sie sich selbst weder als solches sehen noch verhalten. Was sie am Ende mit der Hochzeit tut, ist stark und selbstbestimmt – im Rahmen der ihr von der Gesellschaft zugestandenen Mittel.

Frauen spielen in Benm’Barek-Aloïsis Filmen immer die Hauptrolle. Die junge Regisseurin ist in Rabat aufgewachsen und lebt heute in Paris. Im Jahr 2015 war sie für ihren Kurzfilm Jennah für einen Oscar nominiert, in dem eine junge Frau in der Pubertät versucht, ihre Weiblichkeit zu definieren. Für ihren ersten Langspielfilm kehrte sie in ihr Heimatland zurück.

Die Regisseurin erzählt Sofias Geschichte ziemlich gerade herunter, flicht am Rande dabei aber die großen Themen ein, die Marokko umtreiben: Jugendarbeitslosigkeit, Korruption, sexuelle Selbstbestimmung. In knappen 80 Minuten zeichnet sie damit ein Porträt einer Gesellschaft, für das andere sonst mehr als zwei Stunden benötigen. Sie weiß, dass es für die große Aussage kein Pathos braucht. Ihre Kritik ist subtil, aber dafür umso wirksamer.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/sofia-2018