Capernaum - Stadt der Hoffnung (2018)

Der Preis der Existenz

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

In Rückblenden erzählt der Film davon, wie Zain und seine Eltern eigentlich in diesem Gerichtssaal gelandet sind. Die Familie lebt in Beirut unter schlimmsten Verhältnissen in einer kleinen, ranzigen Wohnung. Wie viele Kinder die Eltern haben, bleibt unklar. Es sind viele. Sehr viele. Die kleinen wuseln in allen Ecken, das jüngste Kind ist mit einer Kette am Bein festgemacht, damit es keinen Quatsch macht und man es nicht die gesamte Zeit beobachten und hüten muss. Der Älteste ist Zain, ihm folgt seine geliebte Schwester Sahar (Haita Izam). Das dünne Mädchen mit den großen Augen ist kaum 11 Jahre alt, als die Eltern sie an ihren Vermieter verheiraten, um nicht aus der Wohnung zu fliegen. Verzweifelt versuchen die Kinder, dies zu verhindern, doch sie haben keine Chance. Und so läuft Zain davon. Nur mit einem Beutel voller Klamotten und drei gestohlenen Packungen Instant-Nudeln.

Er landet in einem Vergnügungspark, wo er auf Rahil (Yordanos Shiferaw) trifft. Die junge Äthiopierin arbeitet dort illegal als Klofrau und versteckt während der Arbeit ihr kleines Baby, den einjährigen Yonas (Boluwatife Treasure Bankole). Sie ist geflohen. Erst aus Äthiopien, dann aus einem Arbeitsverhältnis, das eher Sklaverei war, denn sie war schwanger und man hätte ihr das Kind weggenommen und sie abgeschoben. Rahil, Yonas und Zain bilden eine kleine Gemeinschaft irgendwo unterhalb des Existenzminimums, in dem es Eiswürfel mit Zucker zu essen gibt und um jede Mahlzeit gekämpft werden muss. Dabei erlebt Rahil zusätzlich massiven Rassismus und Ausbeutung, denn sie braucht einen neuen, gefälschten Pass. Doch der kostet viel und der Hehler möchte eigentlich lieber ihr Baby als Tauschware.

Capharnaüm ist ein Film zwischen Fabel und Dokumentarfilm, die weit voneinander entfernt erschienen, hier allerdings hervorragend zusammenfinden. Regisseurin Nadine Labaki hat mehrere Jahre damit verbracht, ihre Geschichte auf eine authentische Art zu verwirklichen. Ihre ProtagonistInnen sind Menschen, die tatsächlich in Beirut in den gezeigten Bedingungen leben. Die Kongruenzen zwischen dem realen Leben und dem Film gehen sogar so weit, dass einige von ihnen während der Dreharbeiten tatsächlich inhaftiert und mit Abschiebung bedroht wurden. Labaki zeigt hier ein Leben, welches weit ab jeglichen Menschenrechtskonventionen stattfindet und in dem vor allem Kinder keine Chance haben, jemals auf einen grünen Zweig zu kommen. 

Es ist die Systematik hinter dieser Ausbeutung und Armut, die in Capharnaüm durch viele kleine Geschichten und Figuren kritisch betrachtet wird. So kann es sich Zains Mutter nicht leisten, das Kind offiziell anzumelden. Zain hat damit keinen Nachweis, dass er existiert, ein Fakt, der ihm quasi von Geburt an alle weiteren Möglichkeiten verweigert. Keine Schule, keine Hilfe, keine Ausbildung, keine Rechte. Der Junge hat nichts außer seinem eigenen Wissen. Er ist ein Kind, das durch die Umstände viel zu früh erwachsen werden musste. Obwohl er klein, dünn, großäugig und zuckersüß ist, flucht der Junge wie ein Matrose und weiß genau, wie er sich durchkriegt. Als Rahil festgenommen wird und er mit dem Kleinkind allein zurückbleibt, schlägt er sich mit einer unglaublichen Straßenweisheit durch und schafft es, aus nichts irgendwie ein bisschen Geld zu machen und das Baby und sich halbwegs über Wasser zu halten.

Es ist unglaublich, was Labaki aus ihren KinderdarstellerInnen herausholen. Zain trägt mit einer beeindruckenden Kraft diesen Film, dessen Fabelerzähler er genauso ist, wie die Figur, dessen echtes Leben hier seine Rolle transzendiert. Dass er seine Eltern verklagt, weil sie ihn in eine Welt geboren haben, in der sie ihm absolut nichts zu bieten haben, ist dabei der Dreh- und Angelpunkt in Labakis kritischer Auseinandersetzung. Ihr Hauptaugenmerk richtet sich auf Kinder(rechte) und wahrlich, das hier Porträtierte ist manchmal kaum erträglich, vor allem weil es keine Fiktion ist, sondern täglich so millionenfach auftritt. Und das nicht nur um Libanon. Capharnaüm geht weit über die eigenen Landesgrenzen hinaus. Es ist eine globale Frage, die auch Grenzziehungen mit einbezieht. Sie machen den Menschen, viele von ihnen sind MigrantInnen, das Leben völlig unlebenswert. Ohne Pass oder Aufenthaltserlaubnis ist auch Rahil ein Niemand.

Und klingt es nicht schon wie ein Märchen, wenn man bedenkt, dass ein Stück Papier erst einen Menschen als existent erklärt, obwohl er/sie leibhaftig vor einem steht? Und klingt es nicht ebenso absurd, dass fiktive und oftmals völlig beiläufig gezogene Ländergrenzen dazu führen, dass Menschen, die sich auf der falschen Seite befinden, damit sofort disqualifizieren und all ihre Rechte einbüßen?

Problematisch wird es dennoch hier für Regisseurin und Publikum. Es ist eine sehr dünne Linie zwischen dem Aufzeigen der Verhältnisse, ihrer Analyse und einem Film, der in eine misery exploitation – also dem Ausnutzen von Armut als stilistisches und erzählerisches Mittel wie bspw. in Slumdog Millionaire – Falle tappt. Capharnaüm balanciert auf diesem Grat und kommt fast zum Fall durch die Anklage gegen die Eltern. Was den Film letztlich aber abfängt und mit großer Wucht nach Hause trägt, ist die Empathie und die Aufmerksamkeit für Details, die Labaki einbringt.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/capernaum-stadt-der-hoffnung-2018