Hard Paint (2018)

Flucht in bunten Neonfarben

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Die echte Welt von Pedro ist deutlich karger. Mit seiner älteren Schwester Luiza (Guega Peixoto) lebt er in einer kleinen Wohnung in Porto Alegre. Wegen einer Gewalttat muss er sich vor Gericht verantworten – noch ist unklar, welche Strafe ihn erwartet. Überdies wurde er exmatrikuliert. Luiza unterstützt ihren Bruder, wird jedoch die Stadt verlassen, um ein Jobangebot wahrnehmen zu können.

Das erste von drei Kapiteln des Films Hard Paint ist nach Luiza benannt – und es thematisiert den ersten von drei Abschieden, mit denen sich der Protagonist im Laufe der Handlung konfrontiert sieht. Ehe Luiza die gemeinsame Wohnung verlässt, nimmt sie ihrem Bruder das Versprechen ab, wenigstens einmal pro Tag an die frische Luft zu gehen – wenn auch nur für fünf Minuten. Es gehört zu den vielen schönen Momenten dieses Werks, dass Pedro fortan täglich fünf Minuten im Freien sitzt – stets mit Blick auf den Countdown seines Mobiltelefons. Luiza mag in den folgenden zwei Abschnitten nicht mehr in Erscheinung treten – aber die Wichtigkeit des geschwisterlichen Verhältnisses, der hohe Wert, den Luiza für Pedro besitzt, gerät nie in Vergessenheit.

Das Regie- und Drehbuch-Duo Filipe Matzembacher und Marcio Reolon, das selbst aus Porto Alegre stammt, gab 2015 mit Seashore sein Langfilmdebüt. Auch darin erzählten die beiden eine Coming-of-Age-Geschichte und bewiesen dabei die notwendige Sensibilität. In Hard Paint gelingt ihnen indes ein noch höheres Maß an Dringlichkeit und Unvorhersehbarkeit: Pedros Leben droht aus den Fugen zu geraten – und auch die audiovisuelle Schilderung der Geschehnisse schlägt zumeist nicht die zu erwartenden Wege ein. Rasch kann hier aus Rivalität etwas extrem Lustvoll-Romantisches entstehen; mal werden Thriller-Spuren gelegt und äußere Spannung erzeugt, mal geht es tief ins Innere der Hauptfigur – um auf bittersüße Weise im Schmerz über das Alleinsein etwas Befreiendes, beinahe Triumphales zu finden. Am Ende des Films möchte man im Neonlicht tanzen – und trägt doch die ganze Schwere mit sich, die Matzembacher und Reolon in ihrem Skript und dessen Umsetzung vermitteln.

Hard Paint ist von Ambivalenz durchzogen. Dies trifft ebenso auf die Beziehung zu, die Pedro mit Leo (Bruno Fernandes) eingeht: Der ungefähr gleichaltrige Tänzer ahmt Pedros Neonfarben-Nummer im Netz nach, weshalb Pedro ihn zur Rede stellen will. Bald treten die beiden jedoch zusammen vor die Kamera – und kommen sich zudem abseits davon näher. Das Spiel der Leinwanddebütanten Menegat und Fernandes zeichnet sich in diesen Passagen durch Natürlichkeit und Feingefühl aus; das gemeinsame Performen der Figuren vor der Webcam wird hypnotisch eingefangen – allerdings auch klug gebrochen: Gerade als sich der Film in den Farben und der Begierde zu verlieren scheint, sorgt etwa eine Internet-Störung dafür, dass die harsche Realität der dunkelbunten Flucht ein jähes Ende bereitet.

Die Inszenierung changiert somit ständig zwischen kunstvoll erschaffener Schönheit und der banalen, oft auch grausamen Wirklichkeit, zwischen Hoffnung und Tiefschlägen. Als Pedro in einer Nacht nur noch Trümmer sieht, legt er sich verzweifelt ins Bett zu seiner Großmutter (Sandra Dani), als diese ihn besuchen kommt. Es ist ein weiterer Augenblick, in welchem sich ganz plötzlich die Stimmung wandelt – in welchem auf Härte Zärtlichkeit, auf Hass Verständnis folgt. Viel besser kann man den seelischen Zustand eines Teenagers wohl kaum erfassen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/hard-paint-2018