The Artist & the Pervert (2018)

Vom Mut, anders zu sein

Eine Filmkritik von Ines Meier

Beatrice Behn und René Gebhardt haben Georg Friedrich Haas und Mollena Williams-Haas ein Jahr lang begleitet, sie hatten einen Artikel über sie in der New York Times gelesen und über ein SM-Dating Portal den ersten Kontakt hergestellt. Ihr Debüt haben sie selbst finanziert, gedreht und produziert, für die Postproduktion erfolgreich eine Crowdfunding-Kampagne initiiert. Bei den Dreharbeiten waren sie nur zu zweit – und diese Produktionsbedingungen, gepaart mit einem empathischen Blick und außergewöhnlichen Protagonisten, übersetzen sich in einen sehr intimen Film.

Schon der Beginn gibt den Ton an, auch sprichwörtlich. Im Vordergrund sitzt Mollena nackt und blickt direkt in die Kamera. Im Hintergrund wurschtelt der ebenfalls nackte Georg herum. Er hängt Sex Toys an Wäscheleinen, die im Ergebnis wie eine Komposition aussehen. Kurz verschwindet Georg aus dem Bild, kommt noch einmal zurück und hängt einen pinkfarbenen Dildo dazu. Es gibt keine Aufwärmphase, keine Verlegenheit, schmunzelnd sind wir sofort mitten drin im Leben von Meister und Sklavin.

Wir beobachten Georg beim Komponieren in ihrer gemeinsamen New Yorker Wohnung. Er lehnt über der gurgelnden und brummenden Kaffeemaschine. Wir hören die Uraufführung seiner Ensemblekomposition Release in der Hamburger Elbphilharmonie. In Interviews beschreiben Professor*innen der Columbia University die Kraft seiner Musik. Er versuche an ungewöhnlichen Stellen Neuronen im Körper zu kitzeln. Seine Musik sei außergewöhnlich, aber gleichzeitig sehr traditionsbewusst. Das Hirn amüsiert sich, denn es hört ab da alle Geräusche im Film – von der Espressomaschine bis zum Spanking – als Musik, aber irritiert ist es auch: Es hat andere Vorstellungen davon, wie der meist aufgeführte lebende Komponist aussehen sollte.

Das Fehlen jeglicher Körperspannung ist bei Georg so eklatant, dass es schon wieder bemerkenswert ist. Verschlurft, zerstreut und irgendwie kindlich steht er in der Welt. Er beugt sich nackt über seine Notenblätter, so in seine Arbeit versunken, dass man nicht genau weiß, ob er einfach gern nackt ist oder schlicht vergessen hat, sich etwas anzuziehen. Mollena scheint das komplette Gegenteil: Unglaublich präsent und laut, ein schlagfertiger Wirbelwind. Wenn sie in einem New Yorker Club detailreich von ihrem ersten Date mit Georg erzählt, Sex und Liebe, Hals über Kopf, umsichtig ausgearbeiteter Meister-Sklavin-Vertrag inklusive, liegt man ihr sofort zu Füßen. Eine Freundin nennt Mollenas Arbeit einen Dienst an der Allgemeinheit: Sie bringe Menschen zusammen, die dachten, sie seien mit ihren Gefühlen allein.

The Artist & The Pervert zupft ein Vorurteil und Klischee nach dem anderen aus uns heraus. Ohne große Geste und ohne uns vorzuführen. Denn auch wenn man sich für tolerant, aufgeklärt und ausreichend selbstkritisch hält – die Schubladen, mit denen uns unsere Gesellschaften vollstopfen, lassen sich scheinbar kaum rückstandslos recyceln. Man tritt sich also im Laufe des Films sehr oft in den eigenen Hintern. Eine Nachfahrin von Sklaven darf sich in ihrer Beziehung nicht als Sklavin definieren? Purer Rassismus. Der Sohn von Nazis, der jeden Tag geschlagen wurde, kompensiert sein Trauma, indem er seine Frau schlägt? Verdammte Küchenpsychologie. Warum ist die schillernde, kraftstrotzende Mollena, die Georg lenkt und leitet, Sklavin und nicht Meister? Weil sie es erotisch findet, ihm zu dienen. Die beiden sind offensichtlich sehr glücklich miteinander in einer kreativen, einander bereichernden Beziehung.

Das Regie-Duo portraitiert diese Beziehung im Stil des beobachtenden Dokumentarfilms, versetzt mit Interviews, Archivmaterial und animierten Sequenzen. Dass die Schärfe oder das Stativ dabei manchmal verrutscht, geschenkt. Denn ihnen gelingt eine beeindruckende Gratwanderung: Sie loten ernste Themen mit einer Leichtigkeit aus, die nie seicht ist. Und sie sind witzig, ohne ihre Protagonisten je bloß zu stellen. Bei den Proben zur ihrem ersten gemeinsamen Stück Hyena, in dem Mollena ihre Alkoholsucht bearbeitet, wirkt Georg abwesend. Gerade wurde Trump zum US-Präsidenten gewählt. Georg heult sich bei Mollena aus. Dass er aus Österreich in die USA geflohen sei, dass ihm jetzt klar werde, dass es vor dem Faschismus kein Entkommen gebe. Mollena setzt ihn trocken vom Kopf auf die Füße: „Willkommen in der Welt, in der die meisten Menschen schon immer leben.“ Sie verbietet ihm schlicht, dass eine Wahl ihn von der Arbeit abhält. Und Georg? Er zuckt zusammen – und bedankt sich bei ihr.

Tiefe Trauer und Schmerz lichtern durch diesen Film. Hyena kann man nicht hören, ohne von Mollenas Überlebenskampf tief berührt zu werden. Georgs Motivation, den Film zu drehen, gehört dazu. Er hat vierzig Jahre gebraucht, um seine Sexualität zu akzeptieren und eine Beziehungsform zu finden, die ihn glücklich macht. Scheiß auf die Angst vor sich selbst, vor der Reaktion der Öffentlichkeit, vor den anonymen Beleidigungen. Er hat vier Jahrzehnte seiner Lebenszeit vergeudet. Was haben wir sonst auf dieser Welt? Deshalb schwingt durch The Artist & The Pervert auch eine eindringliche Frage: Leben wir wirklich so, wie wir leben wollen?

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/the-artist-the-pervert-2018