Flucht in Ketten (1958)

Der gute Gott von Hollywood

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Und das, obwohl er zeitweise in den 1950er und 1960er Jahren von der erzkonservativen Presse oft genug als „Anti-Amerikaner“, gar „Anti-Christ“ gebrandmarkt worden war, was nun wirklich in völligem Widerspruch zu seinem großen Œuvre als didaktisch-moralischer Filmschaffender – Regie und Produktion nicht selten in Personalunion – steht. 

Denn dieser Stanley Earl Kramer war als blutjunges Greenhorn einer der ersten wirklichen „independent directors“ mit eigener Firma (ab 1948), der sich ganz bewusst und frühzeitig mit historischen, sozialpolitischen wie gesellschaftskritischen Stoffen (Das Urteil von Nürnberg/Das Narrenschiff/Wer den Wind säht/Rat mal, wer zum Essen kommt) künstlerisch auseinandersetzte und obendrein über die exzellente Fähigkeit verfügte, wirklich jeden Schauspielsuperstar seiner Zeit persönlich von seinem jeweils neuesten Projekt überzeugen zu können. 

Im Prinzip standen sie daher wirklich alle (mindestens) einmal vor seiner Linse: Spencer Tracy, Katharine Hepburn, Humphrey Bogart, Marlene Dietrich, Robert Mitchum, Ava Gardner, Frank Sinatra, Vivien Leigh, Fred Astaire, Cary Grant oder Burt Lancaster ... Viele von ihnen, darunter spätere Leinwand-Giganten wie Kirk Douglas, Marlon Brando, Oskar Werner oder Maximilian Schell, wurden durch eine Hauptrolle in einer Stanley-Kramer-Produktion quasi über Nacht weltbekannt – und ebenso häufig preisgekrönt. 

Das gilt natürlich insbesondere auch für Tony Curtis und Sidney Poitier, die beide durch ihre starke Schauspielperformance in Kramers frühem Hollywood-Klassiker Flucht in Ketten (Originaltitel: The Defiant Ones) zur damaligen Zeit ganz groß rauskamen und jahrzehntelange Karrieren starten konnten. Die berühmte Ausbruchsgeschichte zweier Sträflinge, die eigentlich ungleicher nicht sein könnten und im Laufe von knapp 100 Minuten zu Freunden werden, liegt nun digital aufwendig restauriert in Deutschland erstmals als Blu-ray vor. Eine gute Gelegenheit für eine Neusichtung. 

John „Joker“ Jackson (Tony Curtis) und Noah Cullen (Sidney Poitier) sind zwei beste Feinde im engsten Wortsinn. Als Strafgefangene blüht ihnen wie den weiteren Insassen eines Gefängnistransporters nichts Gutes: Sie sollen bald in einen noch härteren Knast verlegt werden. Doch dann gelingt dem nicht nur äußerlich völlig ungleichen Sträflingspaar – einer weiß und rassistisch, einer schwarz und großmäulig – urplötzlich die Flucht aus diesem Fahrzeug ... Zugleich sind sie aber weiterhin aneinander gekettet und müssen nun wohl oder übel irgendwie miteinander kooperieren, um nicht sofort wieder von den Bluthunden des Sheriffs geschnappt zu werden. Denn ein ganzer Polizeitrupp ist ihnen längst dicht auf den Fersen ...  

„Filme für denkende Menschen“ wollte er zeitlebens machen, hatte Stanley Kramer in den späten 1970ern gegenüber Journalisten erklärt, als sein Stern in der New Hollywood-Periode bereits arg zu sinken begann. Weitgehend ohne Musik, nur mit einem traditionellen worksong, den der brillante agierende Sidney Poitier während des Films immer wieder leidenschaftlich anstimmt, ohne Action-Bombast oder große Spezialeffekte beweist Stanley Kramer gerade mit diesem weiterhin absolut sehenswerten Regiewerk seine enorme Begabung für eine wirklich gelungene Schauspielerführung. 

Getreu dem Motto „They couldn’t like each other less. They couldn’t need each other more“ hat Kramer – mitten in der Hochphase der Rassenunruhen in den USA – aus diesem rauen, offen politisch engagierten buddy movie der anderen Art eine insgesamt recht formidable Parabel über das vorurteilsfreie Menschsein und die Kraft der Humanität geschaffen, die durchaus noch Kraft in der Gegenwart besitzt. Natürlich wirken darin manche Overacting-Passagen – gerade im Spiel von Tony Curtis – aus heutiger Sicht manchmal etwas befremdlich. Doch die gelungene Grundatmosphäre und gerade der Verzicht auf einen allzu erwartbaren Handlungsbogen – bis hin zum überraschenden Finale – sorgen dafür, dass sich ein Wiedersehen mit Flucht in Ketten – gerade in Zeiten wie diesen – absolut lohnt.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/flucht-in-ketten-1958