Ryuichi Sakamoto: Coda (2017)

Der Klang der Welt

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Wer sich für Musik im Allgemeinen und für Filmmusik im Speziellen interessiert, der wird beinahe zwangsläufig dem Namen Ryûichi Sakamoto begegnet sein. Der 1952 geborene Tonkünstler ist nicht nur einer der bedeutendsten Komponisten und Interpreten Japans, sondern auch ein gesuchter Schöpfer von Tonwelten, die Filme begleiten. Vor allem seine Score zu Bernardo Bertoluccis Der letzte Kaiser (1987), für den er gemeinsam mit seinem Co-Komponisten David Byrne einen Oscar erhielt, dürfte vielen bekannt sein. In letzter Zeit hatte Sakamoto mit dem Soundtrack zu Alejandro G. Iñárritus The Revenant - Der Rückkehrer auf sich aufmerksam gemacht und erhielt dafür eine Nominierung bei den Golden Globes. 

Wer Sakamotos Vita ein wenig genauer kennt, weiß aber auch, dass der Komponist in einem Film, für den er die Musik schrieb – seine erste Komposition dieser Art übrigens –, selbst vor der Kamera stand: In Nagisa Oshimas Furyo – Merry Christmas, Mr. Lawrence spielte Sakamoto neben David Bowie die zweite Hauptrolle.

Sakamotos Bedeutung geht allerdings weit über sein Schaffen in der Welt des Films hinaus: Er gilt als Erneuerer der japanischen Popmusik und schuf mit seiner Formation Yellow Magic Orchestra ein asiatisches Pendant zu Kraftwerk – hier wie dort waren die Musiker dieser Formationen Pioniere, die das elektronische Element und damit ganz neue Klangwelten einführten und etablierten und damit bis heute als Wegbereiter ihre Gültigkeit haben. 

Und nicht zuletzt ist Sakamoto auch nach dem Erdbeben, dem drauffolgenden Tsunami und der Atomkatastrophe von Fukushima zu einem machtvollen Vertreter der Anti-Atomkraft-Bewegung in seiner Heimat geworden. Der stille und oftmals fast ein wenig scheu wirkende Komponist ist durch das gleich dreifache Unglück zu einem politischen Menschen geworden, der die Katastrophe als Wendepunkt nicht nur Japan, sondern auch seines eigenen Lebens begreift. 

Drei Jahre nach der Katastrophe schlug das Schicksal dann erneut zu: Bei Sakamoto wurde Mundrachenraumkrebs diagnostiziert, worauf der Komponist alle laufenden Projekte absagte und sich weitgehend zurückzog, um die Krankheit zu bekämpfen. Mittlerweile aber scheint es Sakamoto besser zu gehen: Im letzten Jahre erschien das neuen Album Async, im Februar 2018 war Sakamoto Jurymitglied bei der Berlinale.

All dies führt Stephen Nomura Schible in fragmentarischen Szenen zusammen, die sich mühen, vieles unter einem Hut zu bekommen: Sie sind Werk- und Rückschau, aber auch Momentaufnahmen eines Künstlers, der auf dem Höhepunkt seines Schaffens mit der eigenen Sterblichkeit und Endlichkeit konfrontiert wird. Dieses Zusammenwirken gelingt nicht immer und wird vor allem jene Zuschauer herausfordern, die ohne allzu viel Vorwissen über Sakamoto in diesen Film gehen. Andere Stimmen, die sich über die Bedeutung des Komponisten äußern oder von gemeinsamen Projekten berichten, finden sich hier nicht, stattdessen spricht einzig und allein der Tonkünstler selbst. 

Zugleich aber überzeugt der Film vor allem dann, wenn wir Sakamoto bei der Arbeit zusehen: wie er in seinem Studio tönende Fundstücke neue zusammensetzt und arrangiert, wie er sich immer wieder hinaus in die Natur begibt, um etwa den Klang des Regens einzufangen oder die Klangwelten des ewigen Eises mit der eigenen Musik zu verbinden. In solchen Momenten versteht man erst die ganze Tiefe und Vielfältigkeit der Gedankenwelt von Ryûichi Sakamoto, in diesen Momenten schwingen seine Worte und Gedanken in dem Klang der Welt nach, die ihn umgibt.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/ryuichi-sakamoto-coda-2017