Augenblicke: Gesichter einer Reise (2017)

Reisen mit Liebe im Herzen und den Augen geschlossen

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Und so erklärt das ungleiche Pärchen am Anfang dieser filmischen Reise auch das Konzept. Immer wieder werden beide in J.R.s großem Van, der auch als Fotostudio und Fotodrucker dient, durch Frankreich ziehen und es (wieder)entdecken. An Orten, die sie interessieren, bei Menschen, die sie spannend finden, machen sie Halt und zusammen Kunst. Wobei es vor allem J.R.s Kunst ist, der mit Fotodruck auf dünnem Papier überlebensgroße Porträts an Häuserwände, Türme und andere Orte klebt.

Doch Varda ist nicht außen vor. Sie bestimmt die Geschichten mit, die durch die Gesichter dieser Reise erzählt werden. Sie leiht dem jungen Künstler das Wissen und Sehen einer weisen, alten Frau, die viel mehr sieht als er. Und es ist vor allem metaphorisch zu verstehen, dass das Sehen ein großer Teil dieses Films ist. Während J.R. nie seine Sonnenbrille abnimmt und so die Welt stets verdunkelt, leidet Varda inzwischen an einer Augenkrankheit, die sie kaum noch richtig sehen lässt – eigentlich ein Todesurteil für jegliche Art des Filmemachens. Doch zusammen halten sich die beiden aneinander fest und reisen.

Diese Reisen gehen vor allem in Teile Frankreichs, die nicht pittoresk und touristisch formidabel sind. Es sind Reise an Orte wie Calais, wo die Hafenarbeiter streiken, um bessere Löhne zu bekommen. Hier will J.R. die Streikenden auf Container bannen, doch Varda, noch immer feministische Ikone und Schutzpatronin weiblicher Geschichten, entscheidet sich, lieber die Ehefrauen der Streikenden aufzunehmen, die sie unterstützen, im Hintergrund die gesamte Familie zusammenhalten und mit ihren eigenen Jobs versuchen, die Existenzängste auszubügeln. In einem anderen kleinen Ort wird eine schüchterne Kellnerin zur Frau mit Hut auf einer Hauswand und somit zum Symbol eines kleinen Ortes, der sie vorher eher ignorierte. In Pirou-Plage veranstalten sie eine kleine Party mit Fotokunst in einem Geisterdorf. In einer alten Kohlebergbau-Stadt im Norden kleben sie das Bild der letzten resistenten Einwohnerin einer Straße auf ihr Haus, um sie und die Minenarbeiter zu ehren. 

Die Orte und Menschen, die sie besuchen, stehen für Umbruch, sind die VerliererInnen des Kapitalismus, der Gentrifizierung, der sich ändernden Zeiten. Das ist einerseits ganz wunderbar. Doch andererseits hat der Film hier ein großes Problem. Vielleicht liegt es im wahrsten und im übertragenen Sinne an den schlechte Augen Vardas, doch es enttäuscht, dass ausgerechnet sie, die so oft in ihren Filmen den Finger in die Wunde gelegt hat, es hier nicht mehr tut. Vielleicht ist dies auch J.R. geschuldet, einem Künstler, der von sich sagt, dass er keinesfalls politisch und anderweitig engagiert sei. Woran auch immer es liegt, es verstört. Jeder ihrer Besuche ist ein leichtherziger, ein lustiger-luftiger Einfall in Leben, die schwer sind, komplex, die Schaden genommen haben und denen mehr Respekt gezollt werden sollte als ein bisschen Kunst an einer Wand.

Hier ist es Varda, die sich oft die Geschichten noch erzählen lässt, die J.R. nur bedingt zu interessieren scheinen, doch sie sind nur Schmuckwerk. Man hört sie und vergisst sie wieder. Die Kamera indes, sie ruht auf der neuen frischen Kunst, die auch bald weg sein wird, vom Regen und vom Leben verwaschen und zerstört. An den Rändern der Kadrierung lassen sich die komplizierten Leben dieser Leute erkennen, die sich über die plötzliche Aufmerksamkeit freuen, die aber doch nur von kurzer Dauer ist. Kurzum: Es fehlt das Politische. Es fehlt das wirkliche Sehen, das Sprechen, das Aufzeigen in Augenblicke: Gesichter einer Reise. Und das ist mehr als nur schade, braucht Frankreich doch dringend solch ein Kino und Varda war jahrzehntelang auch eine jener Filmemacherinnen, die kein Blatt vor den Mund nahmen.

Aber es ist – vor allem für Varda – eben keine Reise ins Jetzt, sondern in die Vergangenheit. Und das ist, bei aller Trauer um das politische Potential, völlig legitim. Sie ist auf einer Reise zurück zu ihren Wurzeln, zurück zu ihren Erinnerungen, ihrer Kunst und auch der Nouvelle Vague und Godard, den sie hier besuchen. Es vielleicht kein Zufall, dass J.R. ein wenig wie der junge Godard aussieht, er dient in gewisser Weise als Erinnerungsstütze an eine Zeit, die nun langsam zu Ende geht. Dieser zweite Reisestrang ist es dann letztendlich, der Augenblicke: Gesichter einer Reise zu einem melancholischen, aber stets mit Humor versehenden Faszinosum macht. Der Abschied der Grande Dame dringt hier durch jeden Satz, durch jede Erinnerung, jedes Foto, an das sie sich erinnert oder mit ihrem Compagnon nachstellt. Es ist das Ende einer großen Ära, so scheint es, eine Ära, die genauso in Ruinen liegt, wie die Orte, die sie besuchen und doch noch einmal mit Leben und Lachen füllen. 

Denn eine wie die Varda geht nicht mit Tränen in den Augen, sondern lässt sich laut lachend im Rollstuhl bei schnellster Geschwindigkeit von der neuen KünstlerInnen-Generation davonfahren. Hoffen wir nur, dass eben diese neue Generation ihre politische Aufgabe auch wahrnimmt und ausführt.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/augenblicke-gesichter-einer-reise