Score - Eine Geschichte der Filmmusik (2016)

Die Magie der wohl gesetzten Töne

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Die schiere Fülle an Hochkarätern der Filmkomponistenzunft, die Matt Schrader für seinen Film getroffen hat, ist beeindruckend. Kaum einer der großen Namen des US-amerikanischen Kinos fehlt: Quincy Jones, Mychael Danna, Howard Shore, Dario Marianelli, Alexandre Desplat, Danny Elfman, John Williams, Rachel Portman, Hans Zimmer, David Arnold, Trent Reznor, Atticus Ross und viele andere mehr geben hier Einblicke in ihr Schaffen, diskutieren Höhepunkte und Meilensteine oder führen hinter die Kulissen der Produktionen eines Soundtracks in gewaltigen Aufnahmestudios und Orchestersälen. Hinzu kommen prägnante Filmausschnitte aus Klassikern von Der weiße Hai bis zu Titanic oder die Duschszene aus Psycho, Begegnungen mit Regisseuren, Filmhistorikern und einer Psychologin, die die Wirkungsweise von Musik im Allgemeinen und Filmmusik im Besonderen erklärt, sowie liebevolle kleine Einführungen in das Werk bedeutender Tonkünstler aus der Filmgeschichte wie Bernard Herrmann, Max Steiner, Alex North (A Streetcar Named Desire) und John Barry (Dr. No).

Matt Schrader hat diese enorm dichte Materialsammlung selbst wie ein Musikstück angelegt: Immer wieder werden Themen gesetzt und variiert, die relativ hohe Schnittfrequenz sorgt für eine vorwärtstreibende Rhythmisierung, die kaum je Pausen oder gar Stillstand entstehen lässt. Bisweilen hat man den Eindruck, dass genau dies ein Manko des Films ist. Denn Zeit, das gerade Gehörte zu verarbeiten und an der einen oder anderen Stelle mehr in die Tiefe zu gehen, bleibt hier kaum. Gerade angesichts der enormen Wirkung von Musik und den vielfältigen Möglichkeiten der geschickten Manipulation der Emotionen hätte man sich hierzu einige kritische Bemerkungen gewünscht.

Stattdessen jagt der Film von Höhepunkt zu Höhepunkt, von Meilenstein zu Meilenstein, wechselt leichtfüßig vom Anekdotischen ins Historische, kombiniert persönliche Erinnerungen mit wissenschaftlichen Exkursen und kommt dabei großen Künstlern je nach deren Bereitschaft, sich auf das Spiel einzulassen, so nahe, wie man diese sonst nur selten erlebt. Auffallend ist dabei aber, wie sehr die Zunft der Tonsetzer – analog zu den Machtverhältnissen in Hollywood – ein Old Boys’ Club ist. Neben Rachel Portman und der Neurowissenschaftlerin Siu-Lan Tan fehlt der weibliche Anteil fast völlig.

Zugleich vermisst man – mit Ausnahme von Tom Holkenborg (Mad Max: Fury Road), Trent Reznor und Atticus Ross (The Social Network) sowie jener Spielart, die Hans Zimmer in Score fast im Alleingang vertritt – einen Strang der Filmmusik, der sich aus der Traditionen des Rock, der elektronischen Musik und anderer experimentellerer Spielarten speist, Cliff Martinez etwa oder die Arbeiten von The Chemical Brothers wären hierfür exzellente Beispiele gewesen.


Ebenfalls zu kurz kommt das gesamte Schaffen von Filmmusik-Komponisten, die nicht aus dem Dunstkreis des Hollywood-Kinos stammen: Die genialen Scores für das italienische Genre-Kino der 1960er und 1970er Jahre – seien es nun Gialli oder Horrorfilme fehlen ebenso wie herausragende Exponenten des europäischen Arthouse-Kinos wie Johan Söderqvist, Nino Rota oder Riz Ortolani.

So gibt Score - Eine Geschichte der Filmmusik einen exzellenten ersten Einblick für all jene, die Filmmusik zwar mögen, aber nicht außerordentlich bewandert darin sind. Für alle anderen Zuschauer markiert der Film vor allem einen Startpunkt für eine tiefergehende Auseinandersetzung, die hoffentlich in künftigen Werken zu dieser hochspannenden Thematik weiter vorangetrieben werden wird. Wie der deutsche Titel des Films es bereits andeutet: Score ist eine Geschichte der Filmmusik, weitere ergänzende und anders gewichtete werden hoffentlich folgen.
 

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/score-eine-geschichte-der-filmmusik