120 BPM

Der Zähe Kampf um Anerkennung

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Gegen die Marginalisierung und das Wegschauen hat sich in den ausgehenden 1980er Jahren in New York die Selbsthilfe- und Protestbewegung Act Up (was für AIDS Coalition to Unleash Power steht) gebildet. Der Drehbuchautor (unter anderem für die beiden Filme Die Klasse und Foxfire von Laurent Cantet) und Filmemacher (Eastern Boys) Robin Campillo war von 1992 an selbst Aktivist beim Pariser Ableger von Act Up und setzt der Bewegung mit seinem nunmehr dritten Spielfilm 120 battements par minute ein streckenweise sehr bewegendes, aber insgesamt viel zu langes und langatmiges Denkmal, das – erstaunlich genug bei diesem Titel – jenes vor allem schnelle Rhythmusgefühl vermissen lässt, das der Titel vollmundig verspricht. Statt pumpendem House ist 120 Battements par minute eher ein überlanger Downbeat-Remixtrack einer untergegangenen Zeit.

Nach einer später immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln gezeigten Störaktion gegen den Auftritt eines staatlichen Gesundheitsfunktionärs steigt 120 Battements par minute mit einer der wöchentlichen Versammlungen der Gruppe ein: Neben dem Sprecher Thibault (Antoine Reinartz) werden einige weitere prägende Figuren vorgestellt. Eine von ihnen erklärt den neu Hinzugekommenen stellvertretend für den Zuschauer die Kommunikationsregeln: Statt Beifall äußern die Teilnehmer ihre Zustimmung mit Fingerschnippen und ihr Missfallen mit leisem Zischen, gerät ein Redebeitrag zu lang, wird dem Sprecher das Wort entzogen, Unterbrechungen sind prinzipiell verpönt und Diskussionen dürfen grundsätzlich nicht auf den Gängen weitergeführt werden. Behutsam und beiläufig entfaltet Campillo sein Ensemble: neben dem radikalere Ansichten vertretenden Sean (Nahuel Pérez Biscayart) fällt unter den Neuen vor allem der ruhige Nathan (Arnaud Valois) auf, der als einer der wenigen Teilnehmer nicht selbst HIV-positiv ist und den man durchaus als Alter ego des früheren Aktivisten Robin Campillo verstehen kann, zumal dessen Beitritt ungefähr zur gleichen Zeit stattgefunden haben dürfte wie jener Nathans. Für emotionale Identifikation mit zumindest einigen Personen des recht großen Ensembles sorgen vor allem die Liebesgeschichte zwischen Sean und Nathan und die Todesfälle, die immer wieder schmerzhafte Lücken in den Reihen der Aktivist_innen entstehen lassen.

In einem Wechsel aus Aufnahmen von den Meetings und teilweise hitzigen Diskussionen der Gruppe, den Aktionen, ausgelassenen Feiern zu pulsierender House-Musik und ruhigen Sequenzen über das Leben und Sterben einzelner Aktivist_innen versucht sich der Film vor allem dem Lebensgefühl der damaligen Zeit anzunähern und wirkt so streckenweise wie eine manchmal recht langatmige Erinnerungsarbeit. Das liegt hauptsächlich an den vielen Diskussionen, in denen in aller Ausführlichkeit medizinische Details von großer Komplexität ebenso ausgebreitet werden wie heftige Richtungsstreits und das zähe Ringen um das richtige Maß bei Aktionen. Zwar verdeutlichen diese leidenschaftlichen Diskussionen recht anschaulich, wie diese Gruppe funktionierte und wie wichtig ihre Arbeit war, doch für jene Zuschauer, denen das Thema nicht so naheliegt, ergibt sich hieraus auch ein enormes Ermüdungspotential, das durch die anderen Elemente des Films nicht wirklich gemildert werden kann. Viel zu selten nimmt sich Robin Campillo jene erzählerischen und formalen Freiheiten heraus, die das Wirken von Act Up neben allem Ringen um Effizienz und funktionierenden Strukturen eben auch auszeichnete. Dass Verzweiflung, ziviler Ungehorsam und Kreativität wichtige Motoren für gesellschaftliche Veränderungen sein können, davon erfährt man manches in 120 battements par minute. Nur spiegelt sich das weder in Campillos erzählerischer Haltung noch in seinem Gestaltungswillen in ausreichender Konsequenz wider.
 

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/120-bpm