Der andere Liebhaber (2017)

Einblicke, Spiegelungen und Dopplungen

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Chloé (Marine Vacth) ist eine junge Frau, die seit längerem unter rätselhaften Leibschmerzen leidet. Weil alle Untersuchungen, auch die zu Beginn des Films, keinerlei Ergebnisse bringen, wird ihr angeraten, doch mal zu einem Psychologen zu gehen, da die Ursachen möglicherweise nicht-körperlicher Natur seien. Also sucht sie Paul Meyer (Jérémie Renier) auf. Nach einigen Sitzungen geht es ihr besser, weil sie sich zum ersten Mal verstanden und weniger einsam fühlt, und sie beginnt, mit dem Psychologen zu flirten. Auch Meyer entwickelt Gefühle für seine Patientin, ist aber professionell genug, die Behandlung abzubrechen und stattdessen eine Beziehung mit Chloé einzugehen. Da die Symptome nunmehr kaum mehr auftreten, steht einer glücklichen gemeinsamen Zukunft nichts mehr im Weg, sollte man meinen. Dann aber entdeckt Chloé beim Verräumen der persönlichen Sachen einen annullierten Ausweis ihres Partners, auf dem ein anderer Name steht. Und nun ist sie es in einer Umkehrung der ursprünglichen therapeutischen Situation, die unbedingt hinter die Gründe für seinen Namenswechsel kommen möchte. Der versucht, die ganze Angelegenheit herunterzuspielen, doch Chloé lässt nicht locker und findet schließlich durch einen Zufall heraus, dass Paul einen Zwillingsbruder hat, den er so sehr aus seinem Leben verdrängt hat, dass er dessen Existenz schlichtweg negiert. Und mehr noch: Auch der Bruder praktiziert als Psychologe, gleichwohl mit einem ganz anderen Charisma und einem differierenden therapeutischen Instrumentarium ausgestattet. Fasziniert vom arrogant-herablassenden Auftreten von Louis beginnt Chloé Therapiesitzungen bei ihm, ohne zu enthüllen, dass sie das Verbindungsglied zu Louis’ Bruder ist. Und schnell wird aus der therapeutischen Beziehung eine leidenschaftliche sexuelle Affäre. die schließlich alles ins Rollen bringt ...

L’amant double ist ein raffinierter erotisch-psychologischer Thriller, der sich trotz seiner eindeutigen Verortung in der Gegenwart anfühlt, als sei er in Wirklich viel älter. Das mag gewiss an den sichtbaren Vorbildern Ozons liegen, die der Regisseur lustvoll zitiert, aber niemals plump plagiiert. Unwillkürlich kommt einem Hitchcock in den Sinn, aber auch französische Thriller der 1980er und 1990er Jahre und vor allem zwei weitere Referenzen, die ein Kollege treffend auf den Punkt brachte: „Als sei David Cronenbergs Dead Ringer (Die Unzertrennlichen) von Brian De Palma inszeniert worden“. Ozon beherrscht das Spiel mit Spiegelungen und Doppelungen nahezu perfekt und scheut auch nicht davor zurück, immer wieder campy und sexy zu sein. Eine Mischung, die dem französischen Psychologenverband wohl weniger gefallen dürfte als dem Publikum.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/der-andere-liebhaber