Virtual Revolution (Blu-ray)

Zurück in die Zukunft

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Also gerade nicht im Jahre 2049, im dem das Blade Runner-Sequel von Denis Villeneuve zeitlich verortet ist, das nun in den deutschen Kinos startet. Aber sonst imitiert der französische Regie-Neuling und langjährige Filmkomponist Duvert, von bloßem Zitieren in Form einer Hommage kann hier keinesfalls mehr die Rede sein, mehr als nur einmal Ridley Scotts epochales 1980er-Jahre-Meisterwerk Blade Runner – zumindest im Look: Der unüberwindlich scheinende Dauerregen, das typische Neon-Farben-Rauschen, dazu die alles umfassende, regelrecht dystopische Grundstimmung in einer Welt ohne Morgen. Und natürlich mit einem seltsamen Antihelden in der titelgebenden Hauptrolle: als wortkargem Film-Noir-Widergänger mit High-Tech-Revolver und abgehalftertem Ledermantel.

Dumm nur, wenn man nicht gerade Harrison Ford für diese Rolle besetzen konnte. Mike Dopud, der diesen Nash in Virtual Revolution irgendwie versucht zu verkörpern, ist kein gefragter A-Schauspieler, sondern ein ehemaliger kanadischer Football-Profi, der sich in den 1990er Jahren zuerst als Stuntman (u.a. in Outer Limits – Die unbekannte Dimension oder Viper) versuchte und in den letzten Jahren einige Mini-Rollen in lediglich mittelprächtigen TV-Serien (z.B. in Mistresses) übernommen hat. Zwischen seiner und Fords Mimik liegen dementsprechend wirklich Welten. Keinen Satz nimmt man diesem ewig gleich dreinschauenden Schauspieler ab, egal ob nun im Blade-Runner- oder im Matrix-Handlungsstrang von Virtual Revolution: dem nächsten Hauptproblem in Duverts sicherlich ambitioniertem, aber reichlich leblos-diffusem Independent-Werk, das nicht nur zwischen den Welten, sondern auch zwischen den Genres hin- und herpendelt, ohne je eine eigene Regie-Linie zu finden.

Schlichtweg zu viele Handlungsstränge wie Genre-Elemente verschwimmen in Duverts misslungener Handschrift zu einem auffällig ironiefreien Film-Hybriden. Ein bisschen Science-Fiction-Policier hier, ein bisschen Cyberpunk-Thriller da. So weit, so voraussehbar. Dazu – die nächste unangenehme Überraschung – gleich mehrere sinnlose Softcore-Elemente, die sich an den eigenen Schauwerten erfreuen und genau genommen null Prozent zum Handlungsfortlauf beitragen. Hauptsache ein paar reale Nackedeis im Bild, möchte man da ausrufen, die dann tatsächlich mehr als nur künstlich im Körperbau wie in ihrem "Spiel" wirken: Oh weh, da knirscht es gewaltig im Gebälk.

Selbst Hardcore-Freunde des bad taste werden hier angesichts haarstäubender Dialoge wie komplett missratener Stuntmen-Einlagen enttäuscht die Augen abwenden, weil wie im Falle von Trash-Film-Ikonen (wie beispielsweise Ed Wood, Russ Meyer, John Waters, Roger Coreman oder Joe D’Amato) durchwegs der subversive Gestus in Virtual Revolution fehlt. Was hätten da wohl erst betont eigensinnig-eigenwillige Independent-Desperados wie Luigi Cozzi, Demofilo Fidani, Ulli Lommel oder Albert Pyun aus diesem an sich gar nicht so faden Sci-Fi-Grundkonzept gemacht?

Dass Duvert in Rollenspielen zu Hause ist und bereits mehrfach TV-Spots oder Videogames mitentwickelt und vertont hat, sieht man seinem Film durchaus aus. Auch die 3,2 Millionen US-Dollar Budget wurden mehrheitlich in Dekor und Computer-Tricks investiert, nicht unbedingt zum Nachteil des Films. Und trotzdem ist Guy-Roger Duverts kruder Leinwanderstling keineswegs beängstigend und nirgendwo revolutionär, sondern in erster Linie stumpfsinnig und höchst ermüdend: Gute Nacht, Zukunft. Aber vielleicht wird es beim nächsten Mal besser. Bis 2047 ist ja noch Zeit.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/virtual-revolution-blu-ray