Die grüne Lüge (2018)

Der Weichmacher

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Das kann man stilistisch nun mögen oder nicht, genauso wie das muntere, reichlich blumige Zitieren aus Antoine de Saint-Exupérys Der kleine Prinz im Abspann des Films. Was allerdings fest steht, ist der große Erfolg dieser sehr speziellen Regiemethode, die dem von vornherein besonders öffentlichkeitswirksamen Dokumentarfilmsubgenre „Umweltzerstörung und Ressourcenverbrauch“ in den vergangenen 20 Jahren insgesamt gehörigen Auftrieb verschafft hat.

Filmästhetisch – wie politisch – nicht unähnlich zu ebenfalls überaus engagierten wie erfolgreichen Filmemacherkollegen wie Bertram Verhaag (Code of Survival), Erwin Wagenhofer (We feed the world) oder Markus Imhoof (More than Honey), gehört er quasi zu den Guten in der Branche. Unentwegt, mit großer Freude am Aufklären wie Wachrufen eckt er mit seinen Filmen (z.B. Plastic Planet/Alles unter Kontrolle/Population Boom) bei vielen an. Manche Konzerne, Lobbyisten oder Verbände laden ihn länger schon nicht mehr ein oder erteilen ihm bereits vorab keine Drehgenehmigung. Auch manche Politiker in seinem Geburtsland sind nicht durchwegs positiv auf ihn zu sprechen, weil er eben Film für Film die großen Menschheitsthemen unserer Zeit extrem breitenwirksam in Angriff nimmt.

Seit langem schon treibt ihn in diesem Zuge speziell die rasante Nachfrage nach neuen Lebensmitteln (z.B. Palmöl), nach neuem Ackerland (in Südamerika oder Südostasien) wie neuen Energie- und Antriebsformen (wie dem Elektroauto) um. Nach seiner intensiven Beschäftigung mit den Megathemen Plastikmüll, Überbevölkerung und Überwachung hat er sich nun für Die grüne Lüge mit den PR-Heilsversprechen internationaler Konzerne auseinandergesetzt, die gegenwärtig unentwegt von „nachhaltiger Produktion“ und „fairen Arbeitsbedingungen“ in den massenhaft armen Herstellungsländern schwärmen. Selbstverständlich würden dabei nie sinnlos Ressourcen verbraucht, Menschen vertrieben oder Produktionsabfälle unsauber entsorgt – so werben zumindest IKEA, Coca Cola, Nestlé und Co. auf ihren Unternehmensseiten und Fachveranstaltungen.

Dass das ganze natürlich ziemliche Augenwischerei ist, ist so neu nicht, wird aber in Bootes durchaus unterhaltsam inszenierten Aufklärungsfilm – positiverweise ohne all zu viel Predigerton oder zig Zahlenkolonnen – erhellend in Szene gesetzt. Mit gestandenen O-Ton-Gebern, unter denen besonders der Weltweise und Globalisierungskritiker Noam Chomsky hervorsticht: „Die reichsten acht Menschen besitzen so viel wie die halbe restliche Menschheit. Die Macht über alle wichtigen Entscheidungen liegt bei denen, die das Kapital haben“, heißt es da zum Beispiel ebenso klar wie besorgniserregend aus dem Munde des emeritierten MIT-Professors aus Boston.

So einfach ist das – und so schwer lässt sich daran im ersten Moment etwas ändern. Seiner Meinung nach müsste man die Hebel allerdings zuallererst nicht bei den Konzernen selbst, sondern vielmehr generell im politischen System wie in den Köpfen der Menschen ansetzen, um die derzeit gut 7,6 Milliarden Erdenbürger irgendwie noch vor dem Totalkollaps bewahren zu können: Nur genügend Mut bräuchten die Menschen im Grunde dazu, weil bisher noch jede Menschheitsgeisel – egal ob Sklaverei oder die lange Zeit furchtbar schlechte gesellschaftliche Stellung der Frauen – irgendwann durch den Feuereifer einzelner RevolutionärInnen („Erfolge passieren nicht von allein!“) zumindest weitgehend beseitigt werden konnte.

„Machen Sie doch einen Film!“, ruft er Werner Boote während des Gesprächs vor der Kamera zu. Genau den hat der Österreicher nun zusammen mit der Münchner „Greenwashing“-Expertin Kathrin Hartmann im ARD-Faktencheck-Modus abgeliefert. Überwiegend ohne trockene Didaktik, immer etwas frotzelnd im Ton und sich gleichzeitig etwas naiv vor der Kamera gebend, ist Die grüne Lüge alles in allem ein richtiger und wichtiger Beitrag zu unserem nach wie vor relativ unkritischen Einkaufsverhalten geworden sowie zu den geradezu zynischen Machenschaften vieler Unternehmensriesen (wie BP, Unilever oder RWE) im Hintergrund der globalen Produktionskette, die ausschließlich umsatzorientiert handeln. So einfach ist das – und gleichzeitig so schlimm!

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/die-gruene-luege