Insects (2018)

Aufgespießte Insekten

Eine Filmkritik von Katrin Doerksen

Meine Kenntnisse in tschechischer Dramatik sind sträflich unterentwickelt. Ich weiß das nur, weil Jan Švankmajer zu Beginn seines neuen Films selbst vor die Kamera tritt. So viele Bücher haben Vorworte, die den Lesern einen Schlüssel zum Verständnis des Werkes an die Hand geben, findet er. Warum sollten nicht auch Filme so ein Vorwort bekommen?

Das mag ungewöhnlich klingen – für einen Švankmajer-Film beginnt Insect so aber im Grunde recht konventionell. Von dem Altmeister des surrealistischen Films erwartet man sonst schließlich Animationen, Stop-Motion-Tricktechnik, Puppen und Zeitraffer. Hier treffen sich aber richtige Menschen, reale Schauspieler an einem Tisch, wenn sie auch nicht weniger grotesk aussehen: eine überschminkte Frau mit blonder Perücke und Tutu, ein immens fetter Mann in Uniform und noch einige andere. Diese karikaturesken Figuren bilden eine Amateurtheatergruppe, sie proben für eine Aufführung von The Insect Play. Bis zum fertigen Stück haben sie trotz des geschäftigen Regisseurs noch ein gutes Stück Arbeit vor sich: niemand kann seinen Text so recht, die Perückenfrau strickt nebenbei und die Kostüme mit klimpernden Fühlern und steifen Holzflügeln schränken die Darsteller in ihrer Bewegungsfreiheit ein.

Irgendwann zieht der Regisseur einen Koffer hervor, in dem eine Pappschachtel ist – und darin befindet sich eine ganze Sammlung toter, aufgespießter Insekten: „Damit ihr besser sehen könnt, wen ihr spielen werdet.“ Es dauert nicht lange, bis daraufhin der weißbärtige Mann aus dem Vorwort in die Szene platzt. Wieder Švankmajer. „Vergesst eure Schauspielausbildung, je amateurhafter es wirkt, desto besser“, erklärt er den Schauspielern – und plötzlich fühlen auch wir Zuschauer uns wie aufgespießte Insekten in einer Pappschachtel. Eine Pappschachtel, die sich in einen Koffer öffnet, der sich in einen weiteren Raum öffnet. Insect entpuppt sich als ein Film über einen Film über ein Theaterstück. Endlos meta, verschachtelt, vielleicht der ultimative Jan-Švankmajer-Film. Nach und nach fallen einem seine typischen Stilmittel auf: zum Beispiel die extrem akzentuierten Geräusche. Schritte, Knistern, Rascheln, Schnarchen, Essgeräusche. Selbst das Klappern eines Löffels in einer Kaffeetasse wirkt irgendwann so überbetont, so viszeral, dass einem davon schlecht werden könnte. Stop-Motion-Tricktechnik kommt hinzu: eine riesige fleischige Zunge schnellt über eine teigige Wange und schnappt nach einem Insekt, als gehöre sie zu einem Frosch.

Für gewöhnlich sollen diese Tricks das Publikum staunen lassen: Wie hat er das gemacht? In Insect verlagert Švankmajer das Staunen und zeigt uns, wie er es gemacht hat. Lässt uns weniger über den Film staunen als über das Filmemachen. Jede Szene, die dazu taugt, beim Zuschauer eine extreme Reaktion hervorzurufen – jemand übergibt sich, jemand wird erstochen, jemand schaut in den Spiegel und erblickt die Reflexion eines riesigen Mistkäfers – dekonstruiert der Regisseur bis in ihre Einzelteile. Wir sehen dann geschäftige Assistenten am Set, die die bröckelige Kotzemasse aus einem Schlauch spritzen lassen oder Foto für Foto Gegenstände um wenige Millimeter verschieben. Es herrscht geschäftiges Treiben, im Hintergrund werden Kostüme vorbereitet, draußen gibt es ein ganzes Lager verschieden großer Dungkugeln und ständig läuft ein Hund schnüffelnd über das Set. In kurzen Interviews reden die Darsteller gerade noch über ihre Träume, da geht schon wieder die Theaterprobe weiter, die Ebenen verschwimmen.

Insect ist high concept, extrem stilisiert und durchaus anstrengend: es frustriert, wenn bei den Proben ein und dieselbe Szene das fünfte Mal wiederholt wird und sich das Gefühl einstellt, der Film wolle sich einfach nicht vom Fleck bewegen. Es ist dann ein einziges Quälen: bei den Darstellern, dem gespielten Regisseur, den Zuschauern. Nur einer lacht: Jan Švankmajer. Irgendwie ist das ja auch der Sinn des Ganzen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/insects