Die Wunderübung (2018)

Sakrament, die Ehe!

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Joana weiß ganz genau alles über ihren Mann. Und das ist nichts Gutes. Sie weiß, wie er reagieren wird, was er sagen will, was er denkt. Und ihr Wissen um ihren Mann – oder was sie zu wissen glaubt – posaunt sie auch gerne raus. Valentin sagt gar nichts mehr. Zeigt nichts mehr von sich. Bemüht sich auch gar nicht. Wozu auch? Aber natürlich hat auch er einige Pfeile im Köcher, mit denen er gezielt seine Frau abschießen kann. Der Therapeut verzweifelt eigentlich schon am Anfang. Ein Gespräch kann nicht aufkommen, wenn jeder sich verschließt, um dem anderen keine Blöße zu geben. Und aus der Deckung heraus den anderen beackert.

Zu Anfang des Films gibt es eine Paar-Übung: Beide sitzen sich gegenüber, geschlossene Augen, sie sollen sich in eine schöne Erinnerung hineinversenken. Das ist der einzige Punkt, an dem der Film durchhängt. Weil Striesow zu plakativ einschläft bei dieser Selbstsuggestion. Und weil der Therapeut sich während der Übung völlig desinteressiert gibt und sich mit Joghurt bekleckert; wobei der Fleck im weiteren Verlauf des Films von seinem Hemd verschwindet. Der Rest der Zeit: Ein großes Vergnügen. Weil es eine Freude ist, wenn sich zwei fertigmachen, vor allem, wenn dieses gegenseitige Fertigmachen mit so viel Sinn für Ironie und Polemik einhergeht. Joana und Valentin: Was Schlagfertigkeit angeht, passen sie bestens zusammen.

Der Film, das Theaterstück: Sie erzählen in Echtzeit. Und das muss man auch erst können. Das richtige Timing, der richtige Tonfall zur richtigen Zeit, zumal, wenn sich alles nur in einem Raum abspielt. Therapeut und zu Therapierende, er auf der einen, die anderen auf der anderen Seite: Kreihsl schafft es, dass die Konstellation nicht statisch wirkt. Joana trinkt aus ihrer Flasche, Striesow steht erregt auf, nur um sich dann resigniert wieder zu setzen. Der Therapeut blickt gütig, in ruhiger Buddhahaftigkeit. Und dann gibt es eine Pause. Jawohl, eine Pause. Das hat mit einer Therapiesitzung nichts zu tun, wohl aber mit einem Theaterabend – der Film übernimmt medienüberspringend diese dramaturgische Konvention, und es macht gar nichts aus. Denn nach der Pause ändert sich die Situation. Ein weiteres Element kommt hinzu, der Therapeut hat eine E-Mail bekommen.

Jetzt ist das, was folgt, an sich keine große Überraschung; zumindest nicht für einen, der öfters ins Kino geht, oder der schon länger verheiratet ist. Aber das Tolle ist: Selbst, wenn die Handlung vorhersehbar ist, mitsamt ihren Twists und Wendungen: Das ist total OK. Weil's nicht drauf ankommt. Die Dialoge, die Charaktere: Die genügen völlig, weil sie ganz rund durchgearbeitet sind, mit all ihren Ecken und Kanten, und weil drei Leute locker 90 Minuten füllen können.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/die-wunderuebung