Landrauschen (2018)

Zwei Mädchen in Bubenhausen

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Denn jede Menge Scherze, bessere und schlechtere, kommen in dieser Ausbruchs- und Wieder-ankommen-Geschichte über eine beruflich gestrauchelte Ex-Berlinerin vor: Thematisch nehmen sie sich die traditionellen Kirchprozessionen genauso wie das Klischee der heimlich Eierlikör trinkenden schwäbischen Hausfrau vor, was mal mehr, mal weniger erheitert, aber auf jeden Fall beweist, dass die junge Regieautodidaktin keinerlei Scheuklappen vor allzu brachialem Schenkelklopfer-Humor hat. Ohne Sender oder große Produktionsfirmen im Rücken ist bei dem Debüt der 1986 geborenen Filmemacherin vielmehr das pure Gefühl des Filmemachen-Wollens lange Zeit spürbar. 

Ihr ziemlich unkonventioneller Langfilm, das wird vor allem in der ersten starken halben Stunde klar, ist auf jeden Fall ein Erstling, der aneckt und sich angenehmerweise überhaupt nicht um herkömmliche Dramaturgien oder vertraute Publikumserwartungen schert. Die Lust am visuellen Ausprobieren, hier ein Close-up, da eine subjektive Kamerafahrt vom Mofa aus, ist jederzeit greifbar, wenngleich nicht jede Szene (wie zum Beispiel das Faschingstreiben auf der Straße) bis zum Ende hin überzeugen kann. 

Ähnlich gelungen (bis misslungen) ist die Mehrzahl ihrer überwiegend satirisch-schablonenhaft angelegten Commedia Dell’Arte-Figuren, die nicht durchgängig aus einem Goldonischen Typen-Drama stammen könnten, sondern mitunter auch aus dem Komödienstadel des Bayerischen Rundfunks. Aber von Grund auf sympathisch sind sie einem trotzdem schon nach wenigen Einstellungen, was insbesondere für die frech-fröhlich aufspielende Toni in der Hauptrolle gilt. In Kathi Wolfs ausdrucksstarkem Gesicht können sich innerhalb weniger Augenblicke vielerlei Seelenzustände widerspiegeln, was besonders gut in den kurzen Liebesszenen mit ihrer konservativeren Dorfkameradin Rosa (Nadine Sauter) zum Tragen kommt. 

Einen weiteren Pluspunkt bildet – fast schon analog zu vielen BR-Heimatfilmproduktionen aus den vergangenen Jahren (z.B. von Marcus H. Rosenmüller, Thomas Kronthaler oder Matthias Kiefersauer) – Millers Gespür für eine möglichst authentische Mundart in ihren selbst geschriebenen Drehbuchzeilen, für die sie als ehemaliges bayerisch-schwäbisches Landkind zudem vielfach auf eigene Stationen aus ihrem bisherigen Lebensweg zurückgreifen konnte. Quasi jeder, der schon einmal ein paar Jahre im bayerischen Oberland gewohnt hat, wird sich gerade in diesem sehr spezifischen Umfeld aus wenig progressiven Blaskapellenvereinen und katholischen Landjugendaktionen rasch wiederfinden. 

Natürlich balancieren viele Miniatur-Szenen in Landrauschen jederzeit knapp über der plumpen Klischeefalle, die so viele neuere Heimatfilme kennzeichnen: Quartalsweise entstehen sie, vergleichbar mit dem sonntäglichen Tatort, inzwischen in beinahe jeder ARD-Anstalt. Da wird – wie auch in Millers Debüt – im Hintergrund schnell noch ein kleiner Handlungsstrang mit Geflüchteten oder eine politische Korruptionsaffäre hinzugefügt, bloß damit es irgendwie etwas zeitgeistiger aussieht. Nur wirklich lustig, extrem authentisch oder wenigstens irgendwie berührend sind am Ende doch nur die wenigsten dieser Produktionen. 

Auch in Landrauschen, diesem queeren Liebestaumel in pink mit 2 Mädchen im sinnträchtigen Bubenhausen, wird von vornherein mit bekannten Stereotypen gespielt: Da kommt selbstverständlich der Pietät predigende Dorfpfarrer vor, der natürlich tagtäglich seine eigenen Geheimnisse mit sich herumschleppt ... Überhaupt fallen einem schon nach wenigen Minuten sehr viele sprechende Namen ins Auge und der Reigen satirisch überzogener Drehbuchmomente beginnt eher Hals über Kopf als sinnvoll strukturiert. Oder anders formuliert: Lisa Millers neuartiger Heimatfilmzwitter Landrauschen trägt nicht von ungefähr das Wort „Rauschen“ in seinem Titel. Mitunter geht es wirklich wild durcheinander, was Längen wie in den Redaktionsszenen, als Toni als deutlich unterforderte Lokaljournalistin anheuert, nicht automatisch ausschließt. Und en gros mehr possenhaften Unsinn enthält als leise Ironie. 

Aber insgesamt weitgehend bissig – und gerade auch mutig auf visuell-ästhetischer Ebene – ist ihr Film zumindest in der ersten Stunde, ehe Landrauschen zunehmend die Luft ausgeht, was bei Debütfilmen nicht so selten, aber in Falle von Millers erstem Spielfilm trotzdem etwas traurig ist. Ihre unbedarfte Herangehensweise an dieses urdeutsche Genre beweist allerdings, dass „unter dem Radar“ (Dominik Graf) und finanziert durch erfolgreiche Crowdfunding-Kampagnen immer noch sehr viel aufsehenerregende Debüts zustande kommen als in zahlreichen Filmhochschulen dieser Republik. 

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/landrauschen