Auf der Suche nach Oum Kulthum (2017)

Wandlerin zwischen den Welten

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

In gewisser Weise spiegeln sich diese Hindernisse auch in der Produktionsgeschichte und der Story wider. Seit vielen Jahren hatte Shirin Neshat eigentlich einen ganz anderen Film über Oum Kulthum im Sinn gehabt, ein opulentes Biopic im klassischen Sinne. Doch dieses Projekt scheiterte – und so stand die Filmemacherin irgendwann vor den Trümmern ihres Films. Bis sie auf die Idee kam, über diesen mühsamen Weg der Annäherung und über das Drehen eines Filmes ein Werk zu machen. Insofern ist der Titel überaus mehrdeutig zu verstehen. 

Die vermutlich um das Jahr 1900 (das genaue Jahr ihrer Geburt steht nicht fest) in Tammai az-Zahaira geborene Oum Kulthum entstammte einer armen Familie aus der Provinz. Weil ihr Vater als Imam bei Feiern immer wieder sang, begann das Mädchen, ihn zu imitieren, und zeigte dabei so viel Talent, dass sie bald gemeinsam mit ihrem Vater und ihrem Bruder auftrat. Und es war vor allem ihr Gesang, der die Menschen begeisterte und in ihren Bann schlug. Doch zugleich brachte der Ruhm auch gewaltige Probleme mit sich: Je älter Oum wurde, desto weniger waren ihre Auftritte vor einem überwiegend männlichen Publikum mit den Anstandsregeln zu vereinbaren. Auch dass sie eine Zeitlang Jungenkleider trug, verschob das Problem nur für eine Weile, bis das Offensichtliche sich nicht mehr länger verstecken ließ. Doch erst der Umzug weg aus der Provinz und in die Metropole von Kairo sollte ihr den Durchbruch bringen, der sie zum Mythos wachsen ließ. Am Ende ihrer Karriere hatte sie 80 Millionen Tonträger verkauft, bei ihrer Beerdigung sollen 4 Millionen Menschen die Straßen Kairos gesäumt haben. 

Im Film spielt die deutsche Schauspielerin Neda Rahmanian die Regisseurin Mitra – wie Shirin Neshat, als deren Alter ego sie aufgefasst werden muss, hat auch sie iranische Wurzeln und muss sich so immer wieder im Verlauf der Geschichte mit Vorurteilen herumschlagen, dass ausgerechnet sie, die Nicht-Araberin, einem arabischen Mythos wie dem von Oum Kulthum auf die Spur kommen will. Ihre Bemühungen, den Film über die Sängerin auf den Weg zu bringen, wird immer wieder durchbrochen von Film-im-Film-Sequenzen, die biographische Details aufzeigen. Zwar findet Mitra in der zurückhaltenden Ghada (Yasmina Reis), einer jungen Frau mit einer beeindruckenden Stimme, die Idealbesetzung für den schwierigen Part der überlebensgroßen Sängerin, doch es tauchen beständig Schwierigkeiten auf, die den Fortgang des Films gefährden. 

Immer wieder wechselt Shirin Neshat elegant, beinahe schwebend zwischen den verschiedenen Realitätsebenen des Filmes hin und her. Bisweilen wandelt sie selbst wie eine Träumende oder Suchende durch die Sets ihres Werkes, folgt ihren Hauptpersonen und wird dadurch zur Beobachterin, zur souveränen Wandlerin zwischen den Welten des Damals und Heute, zwischen Fiktion und historischer Realität. Auf diese Weise entsteht ein andeutungsreiches, assoziatives Spiel, eine filmische Realität, in der sich Fakten und Fiktionen munter mischen und ohne Mühe ineinander übergehen. 

Allerdings bleibt dadurch manches Stückwerk. Wenn Mitra am Ende behauptet, sie sei Oum Kulthum erst durch ihren Film wirklich nahegekommen, dann ist das eine Behauptung, der sich nicht jede/r Zuschauer*in wird anschließen können. Und wenn Oum Kulthum selbst am Ende zu der Filmemacherin spricht und sie für ihre Arbeit lobt, dann erscheint das als Eigenlob, dem man sich nicht in jedem Moment des Filmes anschließen will. Immerhin aber entschädigen die ausgesuchten Bilder für so manche Unstimmigkeit des Drehbuchs, die dafür sorgen, dass der Mythos Oum Kulthums sich tendenziell noch eher verstärkt, als aufgelöst zu werden. Aber vielleicht liegt ja genau darin die Botschaft Shirin Neshats: Einem Mythos kann man sich gar nicht annähern, sondern ihn nur bewundernd umkreisen. 

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/looking-for-oum-kulthum