Wildes Herz (2017)

Was tun, wenn's brennt!

Eine Filmkritik von Falk Straub

Für ihren Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit bedarf es eines wilden Herzens. Das größte schlägt in Gorkows Brust, um den Charly Hübner und sein Koregisseur Sebastian Schultz ihren Dokumentarfilm gebaut haben. Gleich zu Beginn finden sie ein wunderbares Bild für den Sänger, wobei die Bezeichnung „Sänger“ angesichts dessen stimmlicher Qualitäten etwas übertrieben scheint. Verschwitzt und ohne Oberbekleidung steht Gorkow mit seinem massigen, tätowierten Körper in der kleinen Kabine eines Tonstudios und presst die Textzeilen mehr schlecht als recht hervor. Punkrock mit Leib und Seele.

Ihr Sohn hätte schon als Kleinkind zu viel Energie gehabt, sagen Jan Gorkows Eltern. Gemeinsam mit Jans einstiger Grundschullehrerin, dem ehemaligen Gemeindepfarrer und einigen alten Videoaufnahmen von Familienfeiern zeichnen die Interviewpartner das Bild eines wissbegierigen Umtriebigen, eines rastlosen Gerechtigkeitsfanatikers. Dessen überschüssige Energie habe irgendwo hingemusst, sich zunächst in der Ultra-Szene des F. C. Hansa Rostock, schließlich in der Musik kanalisiert.

Wenn Hübner und Schultz in diesen ersten Minuten Jan Gorkows wilde Jugend beleuchten, die nach einem Fußballspiel schon einmal in einer Arrestzelle endete, blenden sie dessen dunkle Seiten nicht aus. Hier offenbart sich die ganze Ambivalenz seines Charakters, den später auch sein Mitbewohner und seine Ex-Freundin betonen. Gorkow selbst tut seine Delikte, bei denen er immerhin ein Polizeiauto in Brand setzte, als lässliche Sünden ab. Es sei halt eine „abgefuckte Zeit“ gewesen. Er bereut weniger die Taten als das, was sie mit seinen Eltern anrichteten. Hier macht sich eine gewisse Gleichgültigkeit breit. Die Entscheidung, sich musikalisch klar gegen rechts zu positionieren, entspringt hingegen gerade jenem Prozess, den rechtsradikalen Fans der Band, die es in den Anfangstagen gab, nicht länger gleichgültig gegenüberzustehen.

Im Grunde es das eine spannende Entwicklung: vom gewaltbereiten Fußballfan, der in der Rückschau offen zugibt, als Jugendlicher mit „Nazi-Mucke“ kein Problem gehabt zu haben, zum Frontmann einer linken Band. Doch der Film geht mit ein paar Sätzen Gorkows darüber hinweg. Nicht das letzte Mal, das Hübner und Schultz zu wenig in die Tiefe dringen. Es kommt ihnen mehr auf die politische Arbeit an, die der Sänger seither mit seiner Musikgruppe leistet. Also begleiten die Regisseure Feine Sahne Fischfilet bei ihrem Engagement in der Flüchtlingshilfe, bei Demos gegen rechts wie etwa in Demmin und bei ihrer Kampagne „Noch nicht komplett im Arsch. Zusammenhalten gegen den Rechtsruck“, die sie im Zuge der Landtagswahl 2016 organisierten. Immerhin treibt diese Arbeit seltsame Blüten.

Mehrere Jahre stand Feine Sahne Fischfilet unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Indem sie die Anwälte der Band, den Leiter des mecklenburg-vorpommerischen Verfassungsschutzes und die Musiker selbst zu Wort kommen lassen, stellen Hübner und Schultz indirekt die Frage nach der Verhältnismäßigkeit. Angesichts steigender Straftaten aus der rechten Szene scheint die Fixierung der Behörden auf die Gruppe geradezu absurd. Gorkow sieht darin eine gesellschaftliche „Zustandsbeschreibung“. Dass Feine Sahne Fischfilet im Verfassungsschutzbericht des Jahres 2015 dann nicht mehr auftaucht, lassen die Regisseure unkommentiert stehen. Jan Gorkow lassen sie hingegen viel zu leicht von der Angel. Schließlich sind dessen Aussagen über Polizeibeamte und seine Ansichten, wie man Rechtsradikalen zu begegnen habe, nicht unproblematisch.

Hier liegt der Hund dieser Doku begraben. Hübner und Schultz überhöhen ihren Protagonisten nicht, zeigen ihn in all seiner Widersprüchlichkeit, sympathisieren aber klar mit ihm und seiner Sache. Im Grunde spricht nichts dagegen. In einer Zeit, in der die AfD, wie im Film zu sehen, mit 21 Prozent in den Schweriner Landtag einzieht, sind die Songs und politischen Aktionen einer Band wie Feine Sahne Fischfilet wichtiger denn je. Sie zeigen einer entmutigten linken Jugend, dass sie nicht allein sind und dass es sich lohnen kann, gemeinsam für eine bessere Heimat aufzustehen, anstatt abzuhauen.

Einen etwas kritischeren Blick, etwas mehr Widerspruch und Diskurs vonseiten der Regie hätte es dann aber gern sein dürfen. Letztlich ist Wildes Herz zwar ein herzliches Porträt über einen politisch Engagierten, der sein Herz auf der Zunge trägt, aber auch eins ohne Ecken und Kanten.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/wildes-herz