Dinky Sinky (2016)

Wenn die (biologische) Uhr tickt …

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Insofern erstaunt es doch, dass offensichtlich kein Verleiher an den Film glaubte und den Mut hatte, ihn in die Kinos zu bringen, so dass schließlich die Produktionsfirma tätig wurde und das Werk nun selbst auf die Leinwände hievt. Dabei ist das Thema durchaus aktuell und spiegelt die Situation vieler Frauen wider, die gegen die eigene biologische Uhr und körperliche Hürden ankämpfen.

In Zentrum steht die 36-jährigen Sportlehrerin Frida (Katrin Röver), die gemeinsam mit ihrem Freund Tobias (Till Firit) schon seit zwei Jahren versucht, schwanger zu werden, während um sie herum alle Freundinnen und Bekannten längst in den „Genuss“ einer Elternschaft gekommen sind. Doch bei den beiden will es partout und allen Anstrengungen Fridas zum Trotz einfach nicht klappen, so dass diese immer verbissener um das vermeintliche Mutterglück fightet und damit schließlich Tobias, der sich als „Zuchthengst“ missbraucht fühlt, in die Flucht schlägt. 

Allerdings bleibt ihr nach der unvermuteten und recht harschen Trennung kaum Zeit für Trauerarbeit, denn durch eine Anomalie ihrer Organe ist höchste Eile geboten, wenn sich der Kinderwunsch noch erfüllen soll. Also trifft sich Frida mit Männern, die sie in Partnerbörsen kennenlernt, doch auch da scheint sich einfach nicht der richtige Kerl für ihr Vorhaben zu finden, so dass sie schließlich sogar die Fahrt in die Niederlande erwägt, wo eine künstliche Befruchtung ihr endlich ihren Herzenswunsch erfüllen soll.

Dabei merkt Frida freilich nicht, dass nicht nur ihre Beziehung, sondern auch jede andere Facette ihres Lebens angesichts ihrer Verbissenheit dermaßen leidet, dass ihr anfangs scheinbar wohlgeordnetes Leben völlig aus der Bahn zu geraten droht. Denn auch in der Schule droht wegen eines anonymen Instagram-Posts einiges an Ungemach, weil die Sportlehrerin bei ihren Aufzeichnungen über die Schülerinnen dann doch etwas zu weit ging. 

Nicht allein wegen der Ähnlichkeit von Katrin Röver mit Sandra Hüller erinnert Dinky Sinky ein klein wenig an Toni Erdmann. Hier wie dort geht es um Lebenswege ungefähr gleichaltriger Frauen - mit dem Unterschied, dass die eine beruflichen Erfolgen hinterherjagt, während die andere von einer Erfüllung ihres Kinderwunschs träumt. Und wie Maren Ades Film lässt auch Mareille Klein viel Raum zwischen Zwischentöne, für Schweigen, für Szenen, in denen Peinlichkeit und leichte Fremdscham über das Verhalten der Beteiligten auf der Leinwand manchmal fast den Atem der Zuschauer stocken lassen. Wobei die Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit im Falle von Toni Erdmann dann doch ausgewogener verteilt ist. 

Die Unterschiede zwischen den beiden Filmen lassen sich auch anhand der Figurenzeichnung der Nebencharaktere gut erkennen: Hartmut (Michael Wittenborn), der neue Freund von Fridas Mutter Brigitte (Ulrike Willenbacher), ist zwar ein echtes Ekelpaket, geht aber trotz einiger Ausrutscher niemals so weit wie Peter Simonischek in Maren Ades Tragikomödie. Auch das weitere Personal wie etwa Fridas waschlappiger Ex-Freund oder der nur schwer zu ertragende Reigen der im Mutterglück zerfließenden Freundinnen der Protagonistin zeichnet Mareille Klein zwar treffsicher, aber nicht mit jenem hintersinnigen Witz, der die Meisterschaft von Toni Erdmann ausmachte. Und wegen Katrin Rövers Seelenruhe, mit der sie ihre Figur mit einer nahezu stoischen Geduld gegen alle Schicksalsschläge ausstattet, fehlt hier manchmal jene existenzielle Verzweiflung, die Sandra Hüller ihrer Figur zu geben verstand. 

Darüber hinaus ist Mareille Kleins Film ungleich fragmentarischer geraten: Immer wieder werden Figuren eingeführt, die dann auf Nimmerwiedersehen verschwinden, manche Seitenstränge scheinen allein aus dem Grund der dramaturgischen Zuspitzung zu existieren und spielen dann am Ende keine wirkliche Rolle mehr. Das ist bisweilen irritierend, weil man solche Freiheiten im deutschen Kinos sonst kaum kennt, und auch ein wenig enttäuschend, weil die Kamera die sanfte Anarchie des facettenreichen Kaleidoskops dann letzten Endes doch in erwartbaren und niemals überraschenden Bildern malt. 

Dass Dinky Sinky dennoch aus der Vielzahl deutscher Produktionen heraussticht, liegt vor allem an einem tollen Ensemble, bei dem man abseits der sattsam bekannten Darsteller*innen viele tolle Neuentdeckungen machen kann – Katrin Röver ist dabei zwar die größte, aber keineswegs die einzige.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/dinky-sinky-2016