Arthur & Claire (2017)

Durch die Nacht mit Hader

Eine Filmkritik von Melanie Hoffmann

Denn Arthur hat genug. Genug vom Leben und vor allem vom Krebs. In Amsterdam will er sich mittels Sterbehilfe das Leben nehmen lassen. Der mit ihm befreundete Arzt Dr. Sebastian Hofer (Rainer Bock) hilft ihm dabei, einen Termin zu bekommen. Außerdem beruhigt er ihn bezüglich zu erwartender Schmerzen und lädt ihn zu einem Abendessen zu sich und seiner Frau ein, was Arthur aber ausschlägt. 

Eine letzte Nacht möchte er in einem edlen, kleinen Hotel alleine verbringen. Um Abschied von der zerstrittenen Familie zu nehmen – per Brief. Doch die Störung aus dem Nachbarzimmer kommt prompt. Die junge Claire (Hannah Hoekstra) möchte ebenfalls ihr Leben beenden, aber aus ganz anderen Gründen. Arthur könnte das ja eigentlich egal sein, will sie aber mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln davon abhalten. Wenn er schon sein eigenes Leben wegwerfen muss, kann er vielleicht das kosmische Gleichgewicht wieder einrenken, wenn er ein anderes rettet. Der Lungenkrebs-Geplagte verfolgt Claire durch die Straßen Amsterdams und die beiden Todgeweihten verbringen die Nacht gemeinsam. Allmählich beginnen sie, einander zu verstehen. Doch es bleibt die Frage: Ab wann darf man aufhören, das Leben zu lieben?

Josef Hader ist hinlänglich als Kabarettist und für seine schwarzhumorigen Filme bekannt (Komm, süßer Tod, Der Knochenmann, Wilde Maus). Und natürlich kann ein Film über Sterbehilfe mit ihm nicht ohne trockenen, österreichischen Humor auskommen. Von den bekannten Brenner-Krimis ist dieses Drama weit entfernt, aber Josef Hader hat dem Drehbuch seinen unvergleichlichen Stempel aufgedrückt, als er es gemeinsam mit Regisseur Miguel Alexandre schrieb. Hier stimmen das Timing und vor allem das anhaltende Auf und Ab zwischen Humor und Wehmut. 

Die Niederländerin Hannah Hoekstra machte spätestens bei der Berlinale 2017 als European Shooting Star auf sich aufmerksam. Hier mimt sie eine junge Frau, die aus eigener Sicht ihre Lebensberechtigung verspielt hat. Ein großer Fehler, den sie sich selbst am wenigsten verzeihen kann. Aber ob es das wiedergutmacht, wenn sie sich das Leben nimmt? Oder quält die Schuld sie tatsächlich so sehr, dass ein Weiterleben unmöglich ist? Die Zerrissenheit verkörpert Hoekstra sehr glaubhaft.

Regisseur Miguel Alexandre bleibt beinahe den ganzen Film nur bei dem ungleichen Paar. Er schwelgt in sprachlichen Missverständnissen und Generationskonflikten. Dabei ist Amsterdam die perfekte Kulisse für das dem Film zugrundeliegende Kammerspiel von Stefan Vögel, welches aus dem Theater ins Freie verlegt wurde. Wie jede moderne Großstadt mit Vergangenheit, so steckt auch Amsterdam voller Gegensätze, die sich ergänzen oder auch mal widersprechen, insgesamt aber einen einzigartigen Charakter entwickeln. Genau wie die beiden Lebensmüden eben.

Alexandre inszeniert die Reise durch die Nacht sehr gefühlvoll, nachdenklich – und doch mit dem nötigen trockenen Witz. Ein großes Thema wird leichtfüßig, aber keineswegs leichtfertig bearbeitet. Mit bewundernswertem Charme changiert der Film zwischen Humor und Dramatik und stiehlt sich in die Herzen des Publikums. Diesen Film trägt man noch eine Weile mit sich rum!

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/arthur-claire