Geniale Göttin - Die Geschichte von Hedy Lamarr (2017)

Die Erfinderin

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Allein über Hedy Lamarr, die Schauspielerin ließe sich ein spannungsvoller Dokumentarfilm drehen: über eine junge Frau jüdischer Herkunft – am 09. November 1914 in Wien als Hedwig Eva Maria Kiesler geboren –, die ihre beginnende Filmkarriere aufgeben musste, als sie von ihren Eltern mit einem älteren Waffenproduzenten verheiratet wurde. Doch ihr gelang die Flucht nach England und schließlich in die USA, wo sie in den 1940er Jahren zum begehrten Teil der Traumfabrik avancierte, bis sie von dieser schon im Laufe der 1950er Jahre wieder fallen gelassen wurde. Damit einher gingen mehrere Ehen und Scheidungen.

In Geniale Göttin – Die Geschichte von Hedy Lamarr macht Alexandra Dean allerdings weit mehr, als die Göttin zu zeigen, zu der Lamarr aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes auf dem Höhepunkt ihrer Kino-Laufbahn stilisiert wurde; sie widmet sich vor allem der genialen Seite dieser Frau, die viele Jahrzehnte lang kaum jemand sehen wollte oder konnte. Es geht in erster Linie nicht um die zahlreichen Hollywood-Geschichten über Lamarr, die man erzählen kann, weil sie irgendwie skandalös und dramatisch-unterhaltsam sind; sondern es geht tatsächlich um ihre Geschichte – die nur dann richtig geschildert wird, wenn man über das Äußerliche, den Diven-Glanz und den Klatsch hinausblickt. Und was wir dort zu sehen und zu hören bekommen, ist ganz gewiss nicht weniger aufregend.

Dass ich diesen Text zum Beispiel schreiben kann, während ich in einem Café mit Wi-Fi sitze, oder dass du dich auf deinem Smartphone durch diese Besprechung scrollen kannst, während du vielleicht gerade mit der S-Bahn umherfährst – all das hat tatsächlich viel mit Hedy Lamarr zu tun. Genauer gesagt mit einer Idee, die sie in den 1940er Jahren gemeinsam mit dem Komponisten Georg Antheil hatte: Die beiden erfanden ein Frequenzsprungverfahren zur Steuerung von Torpedos, welches eine Funkverbindung ermöglichte, die nicht gestört werden kann. Im Zweiten Weltkrieg kam das Prinzip im Kampf gegen die Nazis (vermutlich) nicht zum Einsatz, erst in den 1960er Jahren wurde eine weiterentwickelte Form davon während der Kuba-Krise verwendet. Heute ist sie die Grundlage für sicheres Wi-Fi, Bluetooth, Mobiltelefone, GPS und Militärtechnologie. Lamarr, die ihren Lebensabend bis zu ihrem Tod im Januar 2000 zurückgezogen in Florida verbrachte, wurde 1997 (zusammen mit Antheil) mit dem Electronic Frontier Foundation Pioneer Award ausgezeichnet und 2014 posthum in die National Inventors Hall of Fame aufgenommen.

Deans Film nutzt Archivaufnahmen, Fotografien, Filmausschnitte und Talking Heads, um Lamarrs Werdegang zu illustrieren; am reizvollsten ist jedoch ein auf 4 Tonbändern festgehaltenes Gespräch mit Lamarr aus dem Jahre 1990, welches lange als verschollen galt. In diesem sprach sie erstmals über ihre Arbeit als Erfinderin. Neben dieser verblüffenden Seite des Hollywood-Stars zeigt Geniale Göttin – Die Geschichte von Hedy Lamarr unter anderem auch, was es bedeutete, in den 1940er Jahren eine alleinerziehende Mutter zu sein. „Ich bin ein einfacher, komplizierter Mensch“, sagt Lamarr an einer Stelle in einem Fernsehinterview. Deans dokumentarische Betrachtung wird dieser Ambivalenz und Komplexität erfreulicherweise gerecht.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/geniale-goettin-die-geschichte-von-hedy-lamarr