Das Mädchen, das lesen konnte (2017)

Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit

Eine Filmkritik von Falk Straub

Das Unheil kommt schnell und gesichtslos. Pferde galoppieren heran, Gewehrkolben prügeln gegen Türen, Hände greifen zu. Minori Akimotos flinke Montage reiht Detail an Detail. Das schmale 1,33:1-Format gewährt kaum Überblick. Frankreichs Zweite Republik geht beklemmend zu Ende. Louis Napoléon Bonapartes Soldaten führen die Männer eines kleinen Bergdorfs ab. Ein Schuss fällt, Roses (Iliana Zabeth) Gatte liegt tot am Boden. Zeit zum Trauern bleibt zu wenig. Was einst Männerarbeit war, das Bestellen der Felder, das Weiden der Schafe, der Schulunterricht der Kinder, liegt fortan komplett in Frauenhand. Für Violette fühlt sich der Verlust auch Monate später noch so an, als sei sie innerlich gestorben. Sie träumt nicht mehr.

Und dann mitten am Tag doch ein Traum. Während einer Pause von der Feldarbeit fantasieren sich die Frauen im Schatten der Bäume ein Szenario herbei. Was wäre, wenn ein Fremder, nur ein einziger, den Weg ins Dorf fände? Um die Gemeinschaft am Leben zu erhalten, kann als Antwort darauf nur das Teilen stehen. Ein Mann für alle. Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit. Als sich das im Geist ersponnene Objekt der Begierde schließlich in Gestalt des umherziehenden Schmieds Jean (Alban Lenoir) materialisiert, entspinnt sich eine zarte Romanze. Es ist eine Liebesgeschichte, in der eine verschworene Gemeinschaft von Frauen die Haupt- und der Mann nur die Nebenrolle spielt.

Der deutsche Verleih trägt diesem Umstand Rechnung und verschiebt den Akzent bereits im Titel vom Männlichen zum Weiblichen. Aus Le Semeur, dem Sämann, der den Frauen bei der Ernte zur Hand geht und das Dorf noch auf ganz andere Weise befruchtet, wird Das Mädchen, das lesen konnte. Mitte des 19. Jahrhunderts macht Violettes Bildung frei, bei Marine Francen macht sie sexy. Auch Jean ist des Lesens und Schreibens mächtig. Statt einer Bibel hat er Voltaire im Gepäck. Auf Drängen der Dorfgemeinschaft verführt ihn Violette schließlich – nicht mit ihren körperlichen Reizen, sondern mit Gedichten Victor Hugos. Welch wunderbarer Einfall.

Francen versteht ihr Debüt als politischen Film; das hat sie mehrfach betont. Angesichts der vielen Gespräche, die die Frauen über ihre verlorenen Männer und den neu angekommenen Mann führen, mag einigen die Ausrichtung nicht radikal genug erscheinen. Doch man muss dieses romantische Drama aus der Historie seiner Vorlage heraus begreifen. Der Film basiert auf einer kurzen, autobiografischen Erzählung der südfranzösischen Bäuerin Violette Ailhaud. 1835 geboren, hatte sie ihre Erlebnisse erst 1919, sechs Jahre vor ihrem Tod, niedergeschrieben und testamentarisch bis 1952, ein Jahrhundert nach den Ereignissen, unter Verschluss gehalten. 2006 wurde ihre unglaubliche Geschichte, die an Thomas P. Cullinans zweifach verfilmten Roman The Beguiled (1966) erinnert, schließlich veröffentlicht.

Zu Ailhauds Zeit stand eine lesende Bäuerin für Fortschritt und Umbruch, den es vonseiten der Obrigkeit niederzuschlagen galt. Die Fixierung der Frauen auf ihre Männer ist weit mehr als blinde Abhängigkeit und dumpfes Sentiment. Sie ist auch ein Festhalten an den Werten der Zweiten Republik. Der außergewöhnliche Pakt untereinander und mit Jean eröffnet für die Frauen eine Möglichkeit, ihr Dorf und dessen Ideale am Leben zu erhalten, anstatt sich andernorts einen Mann zu suchen und damit dem inzwischen zum Kaiser gekrönten Napoleon III. zu unterwerfen. Mit ihrer Entscheidung für die Isolation träten auch die Körper der Frauen in den politischen Widerstand, hat Francen es formuliert.

Die Entscheidung für das nur noch selten gebrauchte Filmformat war indes eine rein pragmatische. Die Regisseurin wollte nah an ihre Protagonistinnen heran. Doch eine Steadicam war zu teuer, also filmte Alain Duplantier über seine Schulter und verengte die Kadrage, um das Wackeln an den Rändern zu kaschieren. Aus dieser Not macht Francen eine Tugend, schließlich spiegelt die Form eindrücklich das Gefühl der Einsamkeit und des Abgeschnittenseins im Dorf und erinnert dadurch an eine andere französische Literaturverfilmung der jüngeren Vergangenheit: Stéphane Brizés Ein Leben.

Wie ihr Kollege Brizé verzichtet Francen größtenteils auf Musik und künstliches Licht. Auch die Dialoge hat sie auf ein Minimum reduziert. Das Mädchen, das lesen konnte ist eine Liebesgeschichte in Blicken, in  erstaunlich komponierten Einstellungen und in kräftigen Farben, die wie ihre Protagonistinnen einander mal kontrastieren, mal komplettieren. Die Nähe zu den Figuren und ihrer Arbeit, die zwar schön anzusehen ist, deren Mühsal und Gefahren aber stets greifbar bleiben, schafft eine ganz eigene Stimmung. Marine Francen wiederum ist unverkennbar ein ganz eigenes Talent, auf das man künftig achten sollte. Ihr nächster Film geht in die entgegengesetzte Richtung. Er wird von einer Männerfreundschaft handeln.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/le-semeur