The Commuter (2018)

Passagier verzweifelt gesucht

Eine Filmkritik von Christopher Diekhaus

Im Einstieg schneidet Collet-Serra unterschiedliche Tage im Leben des Versicherungsmaklers Michael MacCauley (Neeson) zusammen und fängt so auf prägnante Weise dessen Pendlerroutine ein. Jeden Morgen macht sich der ehemalige Cop, der mit Frau und Sohn in einem New Yorker Vorort lebt, mit der Bahn auf den Weg nach Manhattan zu seinem Arbeitsplatz, den der 60-jährige Mann eines Tages aus heiterem Himmel räumen soll. Frustriert über die unerwartete Kündigung und besorgt um die finanzielle Zukunft seiner Familie, trifft sich Michael schließlich mit seinem alten Polizeipartner Alex Murphy (Patrick Wilson) in einer Bar, kann den Schock allerdings nicht aus den Knochen schütteln. Auf dem Nachhauseweg wird er im Zug von einer Unbekannten (Vera Farmiga) angesprochen, die ihm ein seltsames, aber verlockendes Angebot unterbreitet: Gelingt es dem entlassenen Makler binnen kurzer Zeit, an Bord einen Passagier aufzuspüren, der sonst nicht mit der in erster Linie von Pendlern benutzten Bahn fährt, erhält er 100.000 Dollar. Trotz einiger Bedenken lässt sich Michael auf die lukrative Suchmission ein und findet sich schon bald in einer schweißtreibenden Intrige wieder.

Alfred Hitchcock kommt einem auch deshalb umgehend in den Sinn, weil die Thriller-Legende in der Patricia-Highsmith-Adaption Der Fremde im Zug das gleiche Setting für den Auftakt zu einem mörderischen Katz-und-Maus-Spiel nutzte. Ähnlich wie in Non-Stop, wo das Flugzeug nur selten verlassen wird, konzentriert sich der größte Teil der Handlung auf den beengten Raum der Regionalbahn, die Kurs auf die beschaulichen Vororte des Big Apples nimmt. Handfeste Spannung baut The Commuter zum ersten Mal auf, als der Protagonist auf die mysteriöse Mitreisende trifft. Eine Szene, in der Vera Farmiga gekonnt von einer netten Gesprächspartnerin mit unverfänglichem Interesse zu einer schwer fassbaren Bedrohung avanciert. Liam Neeson verleiht seiner Figur, gewohnt zuverlässig, Bodenhaftung und eine sympathische Jedermann-Ausstrahlung, die den zunehmend hakenschlagenden Plot, zumindest in den ersten beiden Akten, erdet.

Routiniert erzeugt der spanische Regisseur über verdächtige Blicke anderer Passagiere, über kleinere Drehbuchwendungen und dynamische Kamerafahrten ein Klima der permanenten Verunsicherung, das den Zuschauer eine ganze Weile vergessen lässt, dass The Commuter eine reichlich konstruierte Geschichte erzählt. Schon Hitchcock scherte sich nicht sonderlich um Logik und Plausibilität, sondern vertraute darauf, dass eine clevere Zuspitzung und eine mitreißende Inszenierung das Publikum ausreichend gefangen nehmen würden. Collet-Serra scheint diese Haltung vollauf verinnerlicht zu haben und erweist sich erneut als fähiger Arrangeur temporeicher Bedrohungsszenarien inklusive souverän choreografierter Nahkampfmomente.

Wie in vielen seiner vorangegangenen Arbeiten schießt er im finalen Drittel allerdings über das Ziel hinaus. Auch der packende Non-Stop krankte am Ende an einem Effektüberschuss. Im Pendler-Thriller stechen die aufgetischten Unglaubwürdigkeiten und Actionexzesse nun aber noch unangenehmer ins Auge, zumal einige Computerbilder allenfalls zweitklassig sind. Während die Spannung nachlässt, hat man plötzlich Zeit, sich über die etwas schlampig konzipierte Verschwörung Gedanken zu machen und sich über die heiße Luft zu ärgern, die das von Byron Willinger, Philip de Blasi und Ryan Engle verfasste Drehbuch produziert. Erzählerisch ist das Ganze höchst durchschnittlich, selbst wenn die Autoren das Geschehen mit gelegentlichen Anspielungen auf die fatalen Folgen der Weltwirtschaftskrise und das Leid des Normalbürgers aufwerten wollen. Trotz dieser gesellschaftskritischen Einwürfe bleibt The Commuter ein zunächst effektvoll inszenierter Reißer ohne größere Ambitionen, der mit zunehmender Dauer leider deutlich vom Kurs abkommt.
 

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/the-commuter