Mein Freund, die Giraffe (2017)

Kleinstadtglück mit langem Hals

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

Insofern darf man sich über Mein Freund, die Giraffe (Dikkertje Dap) freuen, dessen Geschichte auf einem Gedicht von Schmidt beruht und jene traumgleiche Vermischung von Realität und magischen Elementen beinhaltet, die viele ihrer Texte so großartig macht.

Dominik (Liam de Vries) verbringt so viel Zeit wie möglich im Zoo der kleinen Stadt, in der er mit seinen Eltern (Medi Broekman und Egbert Jan Weeber) lebt. Denn im Zoo lebt sein bester Freund, die Giraffe Raff. Raff wurde nicht nur am gleichen Tag wie Dominik geboren, sondern kann auch sprechen – und deshalb sind sowohl Dominik als auch Raff ziemlich verwundert, als sie erfahren, dass zwar der Junge in die Schule muss, die Giraffe aber nicht darf.

Dominik will deshalb eigentlich nicht mehr in die Schule, aber so einfach ist das natürlich nicht – auch sein Opa (Martijn Fischer), dem als Tierpfleger im Zoo Raff ebenfalls sehr nahe steht, lässt sich da nicht erweichen, zumal er plötzlich sehr gerne mit Dominik zur Schule geht, als er dessen Klassenlehrerin (Dolores Leeuwin) einmal kennengelernt hat.

Regisseurin Barbara Bredero nimmt die sehr charmanten amourösen Avancen des Großvaters nur gelegentlich in den Blick – das richtet sich klar an die Eltern im Publikum –, ansonsten bleibt sie konsequent auf Augenhöhe und in der Perspektive von Dominik. Wie stark dieser Blickwinkel sein kann, zeigt sich zum Beispiel bei seinem ersten Tag in der Schule: Alles ist verwirrend, auf seiner Augenhöhe sind von den meisten Erwachsenen nur Hüfte und Rumpf zusehen, stattdessen viele Kindergesichter und unübersichtliche Räume. Da hängt die Kamera nah an de Vries‘ Gesicht und immer auf seiner Höhe – und Schule wird zu jenem fremden, auch ein wenig beängstigenden Raum, der sie am Anfang auch nun mal ist.

Der klare Fokus auf den Protagonisten ist aber zugleich in manchen Momenten auch ein gewisses Problem für diesen Film; denn de Vries ist, das ist seinem Alter geschuldet, nicht besonders ausdrucksstark. Bredero macht daraus mit einigen Tricks so viel, wie möglich ist – aber es fehlt immer der letzte Hauch an emotionaler Tiefe, den man sich wünscht.

Die kleinstädtisch-dörfliche Idylle, die der Film zeichnet, hat die Regisseurin auch schon in ihren drei Mister Twister-Filmen (Mees Kees) zum Leben erweckt; friedlich-multikulturelle Niederlande sind das, in denen viel Fahrrad gefahren wird und eigentlich immerzu die Sonne scheint. Das ist ein wenig schmalzig und vereinfacht, aber für einen Film wie Mein Freund, die Giraffe, der sich an ein Publikum zwischen vier und sieben Jahren richtet, ist das doch eine angemessene Reduktion von Komplexität. In deutschen Kinderfilmen findet vergleichbare Romantisierung der Kleinstadt in der Regel nur unter fast vollständige Ausschaltung aller ethnischen und sozialen Diversität statt – sprich: alles ist friedlich-weißes Bildungsbürgertum –, hier spiegeln Lehrkräfte und Schüler_innen gleichermaßen die Vielfalt der niederländischen Gesellschaft wider.

Bredero nutzt diese einfache, aber nicht gänzlich verflachte Welt, um für Kinder grundlegende Fragen zu thematisieren: Bringt jeder Wandel Trennungen mit sich? Kann man mehrere gute Freunde gleichzeitig haben? Und dass moderne Computertechnologie die sprechende Giraffe Raff zum Leben erweckt, nahtlos in den Film einbettet und so ein wenig quasi unmoderne Magie bewirkt – das ist ja dann auch ganz schön.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/mein-freund-die-giraffe