Eleanor & Colette (2017)

Das Recht der Kranken

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Wenig später sitzen sich die Patientin Eleanor Riese (Helena Bonham Carter), die an einer paranoiden Schizophrenie erkrankt ist, und die Anwältin Colette Hughes (Hilary Swank), die früher als Krankenschwester in einer psychiatrischen Einrichtung tätig war, im Besuchsbereich gegenüber. Eleanor hatte sich einst wegen ihrer Panikattacken selbst eingewiesen – jedoch bald feststellen müssen, dass die Medikation in der Klinik mit starken Nebenwirkungen verbunden ist und ihren Zustand sogar noch verschlechtert. Nun möchte sie das Krankenhaus verklagen und ein Mitspracherecht bei der Wahl und Dosierung der Medikamente erzielen. Es geht ihr nicht um eine grundsätzliche Verweigerung der ärztlichen Behandlung, sondern um Kommunikation – darum, dass auch psychisch kranke Menschen gehört werden sollen und müssen.

Die hier geschilderte Geschichte basiert auf einem wahren Fall aus den 1980er Jahren, welcher zu einem für das US-Gesundheitssystem richtungsweisenden Urteil führte. Der Drehbuchautor Mark Rosin und der dänische Regisseur Bille August (Das Geisterhaus) haben aus der realen Begebenheit ein juristisches Drama gemacht, das sich in erster Linie auf die Klägerin und deren Anwältin konzentriert. Der Kampf eines Underdogs gegen einen übermächtig erscheinenden Gegner – hier die Krankenhausindustrie – ist ein klassischer Filmstoff, der von dem Duo solide bearbeitet wird. Das Werk setzt vor allem auf Dialoge; der dramaturgische Aufbau ist konventionell, die Inszenierung zumeist ziemlich zurückgenommen.

Dass Rosin und August in Eleanor & Colette auf zugespitzte Momente verzichten und sich ganz den Figuren widmen, ist einerseits durchaus erfreulich – andererseits vermisst man auf narrativer und visueller Ebene gelegentlich den Zorn, den Eleanor über die Art und Weise, wie sie behandelt wurde, empfindet. Die diversen Stationen des Rechtsstreits – das Engagieren der Anwältin, die erste Niederlage vor Gericht, der Sieg nach Einlegung der Berufung und die Fortsetzung des Falls vor dem Obersten Gerichtshof – werden abgehakt; die Bilder, die der Kameramann Filip Zumbrunn dazu liefert, entsprechen dem Genre-Repertoire. All das macht Eleanor & Colette zu einem stringent erzählten, optisch gefälligen Film – der allerdings kaum hervorsticht.

Helena Bonham Carter spielt indes eindrücklich gegen diese konventionelle Form an. Eleanor ist eine Person, die Zeit und Aufmerksamkeit einfordert – nicht zuletzt von der im Job überaus eingebundenen Colette. Das Werk wird zu einer Freundschaftsgeschichte; bald sind die beiden Titelfiguren mehr als nur Anwältin und Mandantin. Während Colette das spontan geplante Picknick nach Eleanors Entlassung noch ausschlägt, gehen sie bald schon gemeinsam in ein chinesisches Restaurant, schleichen sich auf eine fremde Hochzeit oder geben sich gegenseitig Einblick in ihre biografischen Hintergründe und in ihre Ängste. Colettes Beziehung zu ihrem Mentor – dem Verfassungsrechtsprofessor und Anwalt Mort Cohen (Jeffrey Tambor) – sowie die private Krise mit ihrem Lebenspartner Robert (Johan Heldenbergh) bleiben wiederum auf einige Standardsituationen beschränkt.

Die Chemie zwischen den Hauptdarstellerinnen stimmt; beide agieren überzeugend, können dabei jedoch wenig wirklich Neues von sich zeigen. So wie man Helena Bonham Carter bereits häufig in der Rolle einer exzentrisch wirkenden Persönlichkeit gesehen hat, hat Hilary Swank schon oft – etwa in Das Glück an meiner Seite (2014), Happy New Year (2011), Betty Anne Waters (2010), Amelia (2009) oder Freedom Writers (2007) – den Part der bewundernswert Tapferen verkörpert. Als Colette ist sie der Inbegriff einer aufopfernden Heldin, die sogar ihre Gesundheit für die gute Sache gefährdet. Gleichwohl gelingt es Swank (wie üblich), der Figur etwas von deren Übermenschlichkeit zu nehmen und die engagierte Anwältin zu einer glaubhaften Protagonistin werden zu lassen.

Somit ist Eleanor & Colette ein ordentlich geschriebenes, souverän in Szene gesetztes und auch gekonnt gespieltes Werk über ein spannendes Thema, dem aber etwas mehr spürbare Empörung, etwas mehr Wut und Mut und Herausforderung in der Umsetzung gutgetan hätten.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/55-steps