Life on the Border - Kinder aus Syrien und dem Irak erzählen ihre Geschichten (2015)

Junge Filmregisseure im Flüchtlingscamp

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Wenn Geflüchtete, über die immer nur in den Nachrichten berichtet wird, einmal selbst entscheiden, wie sie sich und ihre Lage darstellen, dann ist das auch ein Stück wiedererlangte Selbstbestimmung. Zum Verlust der Heimat und der materiellen Existenz soll zumindest nicht auch noch der Verlust der eigenen Stimme hinzukommen. Einen ähnlichen Zugang wie Ghobadi in Life on the border wählten 2016 auch schon Moritz Siebert und Estephan Wagner in Les sauteurs, die Abou Bakar Sidibé, einem Bewohner des illegalen Flüchtlingscamps vor der spanischen Enklave Melilla in Marokko, die Kamera in die Hand gaben. So entstanden Bilder und Eindrücke aus der Gemeinschaft der jungen Migranten, die sich nicht mit den Fragen fremder und unweigerlich auch auf die eine oder andere Weise interpretierender Europäer herumschlagen mussten.

Einige der jungen Filmemacher in Life on the border ergreifen die Gelegenheit, das Leid der vertriebenen oder von den IS-Truppen verschleppten Kurden und Jesiden in die Welt hinauszuschreien. Wiederholt klagen in den Kurzbeiträgen die Menschen die Staatengemeinschaft der westlichen Welt an, nicht genug für die Befreiung der Verschleppten zu unternehmen. Der 14-jährige Sami Hossein erzählt in seinem Film Brot und Joghurt, wie das ungewisse Schicksal der entführten Schwester die Familie belastet. In dem Beitrag von Hazem Khodeide sagt der 13-jährige Protagonist Birhat über seine kleine Schwester, die für wenige Tage in den Händen des IS war und seitdem nicht mehr spricht: „Ich weiß nicht, was sie ihr angetan haben.“

Doch Birhat, der im Flüchtlingslager für sich, die Großmutter und die Schwester Wasserkanister herbeischleppt und Wäsche wäscht, hat auch Sinn für ein wenig Spaß. Er zeigt der Schwester, wie er einen Flieger am Himmel in einer Konservenbüchse einfangen kann. Der junge Regisseur des Beitrags beweist mit diesem auf einer Wasserspiegelung basierenden Trick sein Interesse an visuellen Effekten und auch an den Welten filmischer Fiktion. In Richtung Heimat spielt der 13-jährige Mahmod Ahmad fiktional durch, wie er und seine Schwester in der zerstörten Stadt Kobane nach ihrem Vater suchen und ihn tot in den Trümmern ihres Hauses finden.

Der Beitrag Serenade der Berge der zwölfjährigen Zohur Saeid wirkt in seiner Traurigkeit geradezu poetisch. Zohur, die aus Sindschar stammt, ist im Camp für ihre schöne Gesangsstimme bekannt. Ein Musiker bittet sie, bei einem Lied über Sindschar und seine gefallenen Verteidiger mitzumachen. Doch das Mädchen, das seine Eltern verlor, sagt nur, dass es seit dem Märtyrertod des Vaters nicht mehr singen kann. Dabei spaziert es im Gespräch mit dem Musiker über eine grüne Wiese, die bis zu den Bergen reicht und illustriert, wie viel Versprechen von Frieden und Freiheit diese Landschaft verheißt.

Manchmal ist den Filmen sogar eine Prise Humor beigemischt, etwa wenn Leute im Camp geduldig wartend zum Himmel schauen, woher der nächste Flieger mit den Medikamenten kommen soll. Es ist sehr wichtig für die Kinder, das Erlebte und das Erfahrene einzuordnen, zu beweinen und nicht mit sich allein ausmachen zu müssen. Die Humanität der Beiträge, die Einfühlsamkeit der Kinder und ihre Neugier auf das Leben, selbst unter den extrem eingeschränkten Bedingungen des Alltags im Camp, berühren tief und setzen bei all der Trauer auch ein Zeichen der Hoffnung.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/life-on-the-border