Nanouk (2018)

Das Ende der Geschichten

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Dieses Früher, es spielt eine große Rolle in Milko Lazarovs Ága. Früher gab es noch Rentiere, ganze Herden sogar, die sich die Einheimischen hielten. Früher gab es noch mehr Menschen außer Sedna und Nanook, die ein traditionelles Leben lebten. In Jurten, mit Fellen, aus denen sie sich Kleidung machten, mit Rentieren und Schlittenhunden, Fischsuppe und dem Gesang der Maultrommel. Und vor allem mit Geschichten über mythische Rentiere und Götter, die im ewigen Eis lebten. Doch die Götter sind weg, das Eis schmilzt jedes Jahr früher und die Tiere gibt es nicht mehr. Und auch Ága, die Tochter (Galina Tikhonova), ist weg. Warum genau wird der Film nicht beantworten, doch man spürt genau, es ist etwas vorgefallen zwischen Nanook und seiner Tochter. Nun sind er und seine Frau allein. Unendlich allein. Und die Hüter der letzten Geheimnisse der Tundra. 

Lazarovs Film bleibt ganz nah bei den beiden Figuren, fast so als wollte er jedes Detail, jeden Schritt, jedes Lied und jede Geschichte einfangen und verewigen, bevor sie verschwinden. Der Film ist ein melancholisches Werk. Die ewig weiten, weißen Landschaften bieten Raum für Besinnung und sind gleichsam gefährlich und verachtend. Nanook kennt das Terrain, doch seine Fragilität ist immer sichtbar. Er ist alt geworden und ihm fehlt gänzlich der Halt einer Gesellschaft, eines Dorfes, einer Kultur. Er ist, so zeigt der Film immer wieder, mutterseelenallein da draußen. Während er jagt, bleibt Sedna zuhause und füllt die Jurte mit Wärme, Essen, mit Kräutern und altem, weisem Wissen ihrer Vorfahren. Sie ist die letzte, die die Geheimnisse kennt, die die Tinkturen selbst machen kann, die Nanooks müde Beine von ihrem Schmerz befreien. Auch sie ist isoliert, oft allein, wenngleich in einer Umgebung, die freundlicher erscheint. Und doch verloren ist. Denn Sedna, letzte Schamanin eines Stammes, der keinen Namen mehr hat, ist krank. Ein riesiger schwarzer Fleck wächst an ihrem Bauch und selbst die Salbe der Mutter vermag ihn nicht zu lindern. 

Schwarze Flecken sind es auch, die von dem Unheil erzählen, das sich über den beiden Alten zusammenbraut. Nanook findet immer wieder tote Schneehasen, die große schwarze Flecken haben. Er weiß nicht um Sednas Fleck, aber er ahnt, dass dies nichts Gutes bedeutet. Die Raben sind auch wieder da und kreisen über dem Eis wie Hiobs Botschafter. 

Doch dann ist da das Rentier. Nur in der Weite sichtbar, aber es ändert alles. Und dann kommt Chena vorbei und bringt Feuerholz. Er ist Ágas Freund aus Kindertagen und der einzige, der Nanook und Sedna noch besucht. Mit ihm kommt Jugendlichkeit in die Jurte. Und Hoffnung und Erinnerung. Er bringt ein Geschenk der Tochter.

Ága ist ein Film über das bewusste Erfahrbarmachen von Vergänglichkeit. Es sind nicht nur Nanook und Sedna, die zu verwittern beginnen, es ist ihre ganze Art zu leben, die alsbald verschwinden wird. Und dies noch dazu in einer Umwelt, die mehr als nur eindeutige Anzeichen zeigt, dass der Klimawandel in vollem Gange ist. Nichts ist ewig, sagt der Film in den poetischsten Bildern und mit wenigen, aber weisen Worten: der Mensch nicht, die Kultur nicht, ja nicht einmal das ewige Eis. Doch diese Erkenntnis kommt nicht mit Depressionen im Schlepptau, sondern mit Melancholie, also dem Versuch im Angesicht des Todes eine Haltung zu haben. 

Und Haltung hat der Film. Mehr als viele andere melodramatische Werke. Genau das macht Ága zu einem Ausnahmewerk. 

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/nanouk-2018