Armenia

Nicht von dieser Welt

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Ein Mann ist fünfzig geworden. Er schreibt einen Brief an seinen zwei Jahrzehnte zuvor verstorbenen Vater. Er schwimmt in einem See. Dann bricht er auf: Er will dahin, wo seine Vorfahren herkommen, nach Armenien. Die Armenier sind bekanntlich vor 100 Jahren in alle Winde verstreut worden – wenn sie nicht von den Türken abgeschlachtet worden sind. Die Frage, ob das Massaker Völkermord genannt werden darf, hat zuletzt in der Erdoğankratie für heftige Turbulenzen im Verhältnis zum Bundestag gesorgt, und auch Fatih Akin hat mit diversen Protesten zu The Cut die Erfahrung einer unerbittlichen Vergangenheitsverweigerung auf türkischer Seite machen müssen. Nun geht es freilich ähnlich wie bei The Cut in Armenia nicht um eine Anklage, eigentlich nicht einmal um eine dezidierte Thematisierung des Völkermordes von 1915. Zwar wird der Genozid deutlich als solcher bezeichnet – dies aber vor allem in Zitaten aus historischen Werken und archivierten Datensammlungen, auch auf einem Denkmal in Marseille steht das böse Wort. Der Film aber spielt im Heute. Und er spielt mit der Vergangenheit. Er spielt mit Gedanken. Er spielt mit seiner Form.

Inhaltlich erscheint Armenia fast als Dokumentarfilm. Es geschieht dramaturgisch und spannungspsychologisch nichts. Die Kamera begleitet den Protagonisten und der Protagonist forscht. In Bibliotheken, in Archiven, er besucht für seine Familiengeschichte bedeutsame Plätze – etwa in Marseille, wo er aufgewachsen ist –, er reist ins Land seiner Väter, besucht ein Museum. Allerdings: Wie die Kamera hier arbeitet, das ist fiktionaler Spielfilm. Ausgesuchte Kamerapositionen, stimmungsvolle Beleuchtung, symbolische Detailbeobachtungen: Regisseur M. A. Littler und sein Kameramann Philip Koepsell erschaffen eine visuell herausragende Welt, und es ist ganz deutlich, dass hier vor der und für die Kamera performt wird. Dieser Performer, das ist Alain Croubalian, ein Schweizer Musiker, der hier unter dem Namen Haig Boghos auftritt – offensichtlich ein Schauspieler, wenn auch kein professioneller, aber eine Rolle, die er spielt. Eine Rolle freilich, die nichts mit Erzählkino zu tun hat, sondern mit Gedankenwelten, die die Figur durchschreitet.

Denn im Grunde ist dies ein fiktionalisierter Essayfilm, der die Frage nach Authentizität und Wahrheit in sich selbst wieder aufgreift – freilich nicht in filmspezifisch selbstreflexiver Form, sondern als Nachdenken über die Vergangenheit, über Tatsachen, über das Erinnern, über das Träumen und damit über Bande über das Erzählen. Wir hören Haigs Stimme, immer wieder, es ist der Brief an seinen Vater, der sich als roter Faden den Film durchzieht, ein Monolog, gerichtet an einen Toten, in die Vergangenheit. Wir hören ein Mäandern um das Suchen und das Finden, um Sehnsucht und Heimatlosigkeit – wie formt das Vergangene den gegenwärtigen Menschen und andererseits: Wie formt der Mensch in seiner Erinnerung das Vergangene? Banal ausgedrückt: Woher kommen wir, wohin gehen wir und warum?

Doch die Durchwirkung von realer Historie mit einer fiktionalisierten Forschungsreise und essayistischen Ideen – formal und inhaltlich – macht den Film spannend: wie hier mit Bildern, die "Spielfilm!" schreien, eine Geschichte, die "Dokumentarfilm" murmelt, behandelt wird, wie daraus ein essayistisches Summen wird, das den Zuschauer umschwirrt – Armenia balanciert irgendwo über dem Abgrund des Vergessens und baut dort flüchtige Luftschlösser.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/armenia