Opera (WA)

Grazie!

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Schauplatz der Handlung ist die Mailänder Scala. Nach einem Unfall der Star-Sopranistin übernimmt die junge Betty (Cristina Marsillach) den weiblichen Hauptpart in einer Inszenierung von Giuseppe Verdis Macbeth. Als eine Mordserie beginnt, erweist sich die durch Kindheitserfahrungen schwer traumatisierte Betty rasch als Objekt der Begierde des Killers. Immer wieder gerät sie in Situationen, in denen der rabiate Täter sie dazu zwingt, Zeugin der Dezimierung ihres Umfeldes zu werden; mit kleinen Nädelchen an ihren Lidern wird sie davon abgehalten, die Augen vor den Gräueltaten zu schließen. Betty sucht Hilfe bei ihrem ehrgeizigen Regisseur Marco (Ian Charleson), der bisher im Horrorfilm-Bereich tätig war, sowie bei dem überraschend linkischen Inspektor Alan Santini (Urbano Barberini). Doch sie weiß nicht, wem sie trauen soll – und welches Motiv der Mörder hat.

Opera ist zunächst einmal ein Film, der durch seine Gestaltung für sich einnimmt: Die ungestümen Klänge des Komponisten Claudio Simonetti und der wilde musikalische Mix, der die Bilder begleitet, sowie die fein ausgeklügelte Kameraführung von Ronnie Taylor und die extravagante, detailreiche Ausstattung der Räume ergeben ein rauschendes Kino-Fest, dem man als Zuschauer_in wirklich sehr gern beiwohnt. Noch interessanter wird Argentos Schöpfung (wie zahlreiche weitere Arbeiten im Œuvre des Italieners) allerdings durch den Kontrast, der zwischen dem hohen Niveau der audiovisuellen Umsetzung und der haarsträubenden Pulp-Geschichte, den ungeschliffenen Dialogen sowie dem durchweg ungelenken Schauspielstil besteht. Hier reibt sich die Perfektion an veritablem Schund – und der Funkenschlag lässt Leidenschaft, Exzentrik und bitterbösen Witz erkennen.

Mit einer hemmungslos ausagierten Lust widmet sich Argento diversen fiesen Einfällen, die gleichwohl selten zum Selbstzweck werden. Die zum Einsatz kommenden Nadelbänder, durch die Betty wiederholt zum Mit-Ansehen der blutigen Morde genötigt wird, sind etwa ein cleveres Mittel, um die voyeuristische Situation des Kinopublikums zu veranschaulichen; ein gezielter Schuss des Killers durch den Türspion ist nicht nur eine virtuos realisierte Einstellungsfolge, sondern zugleich eine äußerst pointierte Demonstration der Blickstruktur im (Horror-)Film. Die grellen, handgemachten Schockeffekte muten gewiss theatralisch-übersteigert an; dennoch zeigt der experimentierfreudige Argento ein ausgezeichnetes Gespür für Spannung und Atmosphäre. Schlichtweg wunderbar ist zudem, wie er sein garstiges Werk in traumhafter Entrückung und – wieso auch nicht – mit der Befreiung einer Eidechse beendet. Auf Pfade wie diesen sollten sich deutlich mehr Filme trauen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/opera-wa