Komunia

Das Mädchen, das seine Familie nicht aufgibt

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Ola lernt mit Nikodem, der für den Katechismusunterricht nicht viel Interesse aufbringt. Der Junge ist verspielt und seine rege Fantasie lässt ihn immer wieder Tiere imaginieren oder Actionszenarien. Im Laufe des Films wirken diese immer mehr wie ironische Kommentare zum desolaten Geschehen. Ola kann sehr streng sein mit Nikodem, aber vor allem verfügt sie über erstaunlich viel Empathie und Geduld. Ob es um das Binden der Schnürsenkel geht oder um das Einnehmen der Hostie, das mit Bananenscheiben geprobt wird – Nikodem ist vollkommen auf Olas Unterstützung angewiesen. Der Vater schläft oft oder sitzt vor dem Fernseher. So ist es, aus Nikodems Sicht und bald auch aus der der ZuschauerInnen, Ola zu verdanken, dass diese enorm gefährdete Familie über weite Strecken doch funktioniert. Geschichten über Kinder, die die Aufgaben der Eltern übernehmen, gibt es viele, aber so klar wie hier bekommt das Publikum selten vorgeführt, welche Bürde dabei auf den jungen Schultern lastet.

Ola lässt sich von Nikodems flatternden Händen, seinen rebellischen Gedankensprüngen nicht beirren: Sie weiß, dass der Bruder viel kann und viel versteht. Je länger die Kamera die Geschwister im Halbdunkel der engen Wohnung beobachtet, desto mehr fällt auf, wie sensibel Nikodem auf Ola reagiert, wie sehr er ihr vertraut. Die Kamera begleitet die Geschwister gelegentlich auch hinaus, sie geht mit Ola auf eine Party oder mit Nikodem in die Schule und zum Prüfungsgespräch im Rahmen der Kommunion. Die soziale Einbindung funktioniert, aber auch da hat Ola wichtige Vorarbeit geleistet.

Ola führt den Haushalt, sie motiviert den Vater, einen Antrag auf eine größere Wohnung auszufüllen. Der schwache, passive Vater will eigentlich nur seine Ruhe haben. Nur wenige, kurze Szenen zeigen, dass Ola keine junge Erwachsene, sondern ein Teenager ist, mit Stimmungsschwankungen und plötzlichem Frust, weil die Haare nicht sitzen. Dass sich das Mädchen nach der Mutter sehnt und folglich auch danach, wieder Kind sein zu dürfen, beweisen die vielen Telefonate, die sie mit ihr führt. Kommt sie zur Kommunion, kommt sie nicht, bringt sie ihr Baby mit? Die Mutter hört sich am Telefon merkwürdig desinteressiert und lieblos an – aber offenbar nicht für Ola, die die Familienzusammenführung wie eine Diplomatin von langer Hand plant.

In Direct-Cinema-Manier gedreht, also rein beobachtend ohne Kommentare, Erklärungen und Fragen, lässt der Film vieles halb im Dunkeln. Die ZuschauerInnen erfahren die Vorgeschichte der Eltern nicht oder was in der Mutter vorgeht, die ihre Pläne recht spontan zu fassen scheint. Die ganze Situation wirkt oft undurchsichtig, was der Perspektive der beiden Geschwister entspricht. Die Kamera bleibt nahe bei ihnen, so dass die Wohnung, obwohl sie so klein ist, immer nur in wenigen Ausschnitten gezeigt wird.

Ola und Nikodem sind ein Paar wie Hänsel und Gretel, das sich nicht aufgibt in der Not. Das mitanzusehen, wirkt regelrecht tröstlich in dieser harten, bitteren Geschichte, die sich weitgehend von Olas Hoffnung leiten lässt. Die Stärke und Integrität dieses jungen Mädchens prägen sich tief ins Gedächtnis ein.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/komunia