Erbarme Dich! - Die Matthäus Passion

Bachs berühmtes Oratorium aus zeitgenössischer Perspektive

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Am Karfreitag vor 290 Jahren in der Thomaskirche zu Leipzig zum ersten Mal aufgeführt – so der Tenor der offiziellen Erkenntnisse – markiert die Matthäus-Passion das wohl bekannteste Oratorium des christlichen Glaubens über den Leidensweg und den Tod des biblischen Jesus Christus. Da probt The Bach Choir & Orchestra of the Netherlands unter der Leitung von Pieter Jan Leusink innerhalb einer ganz besonderen Kooperation für eine Aufführung dieser Musik. Und zwar gemeinsam mit den Amsterdamer Straatklinkers, einem Chor, der aus arbeits- und oftmals auch obdachlosen Sängerinnen und Sängern besteht. Doch die Dokumentation von Ramón Gieling, die beim Internationalen Filmfestival von Rotterdam 2015 uraufgeführt wurde, beschränkt sich längst nicht auf die Darstellung dieser kuriosen Konstellation. Vielmehr präsentiert sie zudem zahlreiche Zugänge unterschiedlicher Kenner und Künstler zu dieser Musik, die ihre ganz persönliche, aber auch fachlich fundierte Haltung und Beziehung zu Bach und seiner Matthäus-Passion in äußerst ansprechender Weise darlegen.

Da ist die Rede von Erfahrungen und Entwicklungen mit individueller und institutioneller Religiosität im Allgemeinen und mit dem Bach-Oratorium im Speziellen, das für die Erzählerinnen und Erzähler des Dokumentarfilms eine ganz besondere, tiefe Bedeutung hat. Es geht um Entbehrung, Schmerz und Trauer, aber auch um Würde, Erhabenheit und Erlösung, um das Betreten einer Sphäre, die jenseits von Verzicht und (Selbst-)Aufgabe eines Menschen liegt, der nur noch um Erbarmen flehen kann. Wenn beispielsweise der Opernregisseur Peter Sellars von einer eigenen abgründigen Traurigkeit spricht, die durch das musikalische Empfinden einer noch schlimmeren erleichtert werden kann, dann offenbart sich die kathartische Möglichkeit einer Passion, die sich befreiend mit der ureigenen verbinden lässt und einen Trost gewähren kann, der erst Mut zum Klagen und schließlich zum Aufbruch macht.

Es sind beeindruckende Lokalitäten und Bilder, die das Unsagbare zwischen den großen und großartigen Worten dieses Films begleiten und bestärken. In einer Amsterdamer Kirchenruine treffen sich privilegierte und ausgestoßene Musiker im Geiste Bachs, lauschen und klingen auf, spüren der Wirkungsmacht seiner Kompositionen nach und finden abseits aller Abgründe einen kommunikativen Weg, ihre Begegnung in eine geradezu sakrale Zusammenkunft zu transformieren. Stille und Musik, Visuelles und Auditives geraten in Erbarme dich! – Die Matthäus Passion derart dicht miteinander in eine sanfte, ernsthafte und fruchtbare Dynamik, dass sich ein Raum für die Berührung von persönlichem mit universellem Leid öffnet, der auch und gerade die Grenzen der konventionellen Religiosität überwindet. Leid, Qual und Todesangst geraten zu existenziellen Komponenten einer grausamen Welt, die jedoch auch Erbarmen und Erlösung bereithält, nicht zuletzt über die Macht von Musik und Kunst, so könnte eine Botschaft dieses eindringlichen Films lauten.

Wer sich künftig erstmalig oder noch inniger und verständnisvoller in das Meisterstück der Matthäus-Passion und ihre schwelenden Implikationen versenken mag, dem sei dieser Dokumentarfilm als Begleitung dazu wärmstens empfohlen. Denn Wärme und Trost sind es, die seiner düsteren Atmosphäre entströmen, und wenn das Ensemble am Ende „Ruhe sanfte, sanfte Ruh’“ intoniert, dann hat eine gewisse finale Versöhnlichkeit und Erlösung die Furcht und den Schrecken des Todes zumindest im filmischen Universum um einiges relativiert.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/erbarme-dich-die-matthaeus-passion