Werk ohne Autor (2018)

Werk ohne Tiefgang

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Seine Hauptfigur Kurt Barnert (Tom Schilling) begleitet der Film durch seine Kindheit im Zweiten Weltkrieg, den Nachkriegsjahren in der russischen Zone und späteren DDR bis hin zu seiner Übersiedlung in den 1960er Jahren in die BRD, seinem Studium in Düsseldorf und seiner ersten erfolgreichen Ausstellung. Werk ohne Autor ist weniger ein biografischer Film als ein Versuch, sich „dichterisch“ der Frage zu nähern, was Kunst und Kreativität eigentlich hervorruft und unabdingbar macht. Warum malt Barnert, wieso sich so ausdrücken? Die Antwort darauf wird schon im ersten Akt recht plakativ dargelegt: es ist die Liebe und das Trauma. Die Liebe des kleinen Kurt gilt seiner jungen, schönen Tante Elisabeth (Saskia Rosendahl), die mit ihm in Ausstellungen geht und mit blumigen Worten die Kunst als Ausdrucksmittel beibringen will. Ihr Leitspruch: „Immer hingucken! Das Wahre ist das Schöne.“ Und so schaut der kleine Kurt auch hin, als sie nach einem manischen Schub mit Schizophrenie diagnostiziert wird und von einem NS-Arzt zwangseingewiesen wird. Elizabeth wird später vom Gynäkologen Prof. Carl Seebad (Sebastian Koch) zwangssterilisiert und im Euthanasie-Programm der Nazis ermordet.

Nach dem Krieg erlebt Kurt, der nun mehr einzige Sohn der Barnerts, denn seine Brüder sind allesamt gefallen, einen Neuanfang, der ihn an die Kunstakademie bringt. Dort soll er das „Ich“, das Ego, ganz vergessen und dem Volk dienen. Mit sozialistischem Realismus in der Malerei. Später, im Westen wird man ihn lehren, dass nur das „Ich“ Kunst produzieren kann. Es ist eine der vielen Spiegelungen, mit denen der Film arbeiten wird. Eine weitere, recht eigenartig anmutende ist Elisabeth. Nein, nicht die Tante, sondern eine junge Modestudentin, in die sich Kurt verliebt. Er nennt sie Ellie (Paula Beer) und sie sieht genauso aus wie die verstorbene Liebe seiner Kindheit. Freud hat hier schon seinen Bleistift gezuckt und in der Tat, von Donnersmarck geht den gesamten klassisch-freudianischen Weg, den er nicht nur an der allgemeinen Gleichgestalt und dem Namen, sondern vor allem an den Brüsten festmacht. An diesen lag der kleine Kurt schon als Kind und an ihrer Ersatzform weilt er auch als Erwachsener. 

Wen’s hier schon gruselt, dem sei gesagt: Die Frauenfiguren und wie mit ihnen umgegangen wird, sind in Werk ohne Autor wahrlich ein Graus. Keine einzige von ihnen hat etwas Eigenes, keine Aufgabe, kein Wissen, keinen einzigen Satz, der nicht darauf abzielt, die Hauptfigur zu fördern, zu inspirieren oder voranzutreiben. Gern sind sie nackt, diese Frauen, gern gleitet die Kamera genüsslich über ihre Körper. Auch wenn sie bei Geburten fast sterben, ja sogar, wenn sie tot in der Gaskammer liegen. Stets werden sie beschaut, reguliert und benutzt. Sie werden weggesperrt, objektiviert, sterilisiert, begattet, getötet. Ihre Kinder werden getötet oder prächtig hergezeigt, ihre Brüste dienen als Quelle der Inspiration für den Mann. Selbst Ellie, ebenso Künstlerin und Studentin, darf nur einmal ein bisschen schneidern: einen Anzug für den zukünftigen Mann. Danach sieht man sie nur als Anhängsel, als Inkubator für den Stammhalter und vor allem als tragisches Element, welches Kurts Trauma weiter an ihn bindet. Denn Ellies Vater ist kein anderer als Prof. Carl Seebad, der nach dem Krieg von einem hohen Tier beim KGB vor der gerechten Verfolgung geschützt wird, weil er den Stammhalter dieses Mannes rettet, indem er ohne Betäubung das falsch liegende Kind aus dem Uterus der Gebärenden zieht. Dieser zitiert dann ihm gegenüber den Satz „Wer ein Leben rettet, der rettet die ganze Welt“, ein unfassbarer Hohn, denn er weiß, dass Seebad im Krieg hunderte auf dem Gewissen hat.

Die Kunst entsteht durch Leiden. Für Kurts Kunst leiden die Frauen. Sie leiden schön. Aber auch er leidet. Unter dem Schwiegervater, dem Todesmonster, von dessen Verbindung zur eigenen Tante Kurt nichts weiß. Dieser demütigt ihn immer, denn der Arzt sieht direkt am hängenden Mundwinkel des Schwiegersohns, dass dessen Gene nicht gut sind. Doch all diese Geschichten und Nebenhandlungen, all diese Menschen und ihre Schicksale, sie zielen allesamt darauf ab, sich der Kunst als solches zu nähern, das Geheimnis hinter Barnerts (bzw. Gerhard Richters) Kunst zu offenbaren. Es geht um die Magie in den Bildern und um ihre Kraft.

Spannend hierbei ist, wie es von Donnersmarck selbst jedoch nicht ein einziges Mal schafft, selbst ein kraftvolles Bild zu inszenieren. Nicht, dass er es nicht könnte. Es ist sein Ansatz, der ihm hier das Magische verbaut. Nicht nur im Erzählerischen, Werk ohne Autor glaubt nicht an sein eigenes Publikum. Der gesamte Film hat viel zu erzählen, aber nicht wirklich was zu sagen. Er erklärt und beschreibt, wiederholt sich und palavert wie ein Priester, der meint, seine Kongregation wäre geistig nicht auf seiner Höhe. Es hat schon etwas Belehrendes, dieses ewige Wiederholen, das der Film am liebsten mit der Geste der Spiegelung paart. Locker ein halbes Dutzend solcher Momente, die stets auf die dramatische Wichtigkeit der Ideen dahinter hinzuweisen suchen, werden im Film als Spiegelpaare immer wieder eingebaut und wiederholt. Ein Trick aus dem klassischen Hollywoodkino, der hier aber in seiner Quantität und Einfallslosigkeit fast ad absurdum geführt wird. Jaja, ich habe das schon verstanden, denkt man sich irgendwann. Aber der Film, er mag es einem nicht glauben. 

Und so auch die Bilder. Sie sind von grandioser Geste, doch ohne grandiosen Geist. Sie zeigen um des Zeigens Willen in schon fast Spielbergscher Manier. Stets die große Geste, der epische Blick, nie die kleinen Details, die herzbrechenden kleinen Momente. Die Figuren ebenso. Barnert selbst immer ein junger Mann (Schilling altert nicht um ein einziges Haar trotz der Zeitspanne mehrerer Jahrzehnte) mit Spielberg-Gesicht. Die Augen groß und voller Wunder und, wie die Tante es wollte, immer hinschauend. Ansonsten ist er jedoch eher eine leere Leinwand, ein Mann, der reaktiv ist, nicht viel sagt und zeigt. Über ihn wird erzählt, er selbst zeigt und sagt so gut wie nichts. Schlimmer noch ist die Figur des Schwiegervaters. Inszeniert als Nazi-Monster, will der Film aber gleichsam nicht davon abkommen ihn irgendwie auch zu bewundern für seine Prinzipientreue und Härte. Es irritiert schon sehr, zu bemerken, wie von Donnersmarck hier insgeheim das Hart-Maskuline in Seebad zelebriert. 

Am schlimmsten an diesem Werk ist jedoch die Ignoranz der historischen Bedeutungen gegenüber, die von Donnersmarck hier bunt zusammenwürfelt, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wie er hier per Montage Parallelen zieht. Die furchtbarste Sequenz ereignet sich innerhalb der ersten der drei Stunden Laufzeit. In einer Montage vermengt der Regisseur den alliierten Bombenangriff auf Dresden, Sie wissen schon, der der Pegida und Co. immer noch als Märtyer-Geschichte dient, mit dem Tod der Tante in der Gaskammer, dem Tod der Brüder Kurts, die bei der Wehrmacht sind und fallen und einer Mutter, die man nicht kennt, deren Haus von einer Bombe getroffen wird und die dabei stirbt ihr Kind zu retten. Kurzum, er setzt den Holocaust und die Massentötungen der Nazis in einer gefährlichen und absolut populistischen Art miteinander gleich, und, um dem noch eins draufzusetzen, auf eine dermaßen verkürzte und vereinfachte Art, dass man hier protestieren MUSS, denn solche Bilder waren schon immer und sind er vor allem jetzt wieder: gefährlich.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/werk-ohne-autor-2018