Peter & Wendy

J. M. Barrie und das Great Ormond Street Hospital

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Die junge Lucy (Hazel Doupe) ist ernsthaft krank, und es ist für sie und ihre Mutter Julie (Laura Fraser) ein schwerer Gang, erneut ins Great Ormond Street Hospital einzuziehen, wo Lucy rasch operiert werden soll, um ihr Leben zu retten. Die warme, tragende Atmosphäre der Klinik mit ihrem tröstlich zugewandten Personal bietet zwar einen äußerst förderlichen professionellen Schutzraum für die kindlichen bis jugendlichen Patient_innen, doch Lucy hat gerade offensichtlich ihren Mut verlegt und hadert derbe mit ihrem Schicksal. Als ihr ausgerechnet die wilde Geschichte von Peter Pan als Lektüre empfohlen wird, ist sie zunächst wenig begeistert, doch bald findet sie als tapfere Vorleserin eine dankbare Zuhörerschaft unter den Kindern des Krankenhauses, von denen nicht wenige gerade ums Überleben kämpfen. So liest und träumt sich Lucy immer intensiver in die Fiktion von unendlicher Jugend hinein, und als sie während der Operation ins kritische Koma gerät, wirkt die Macht der Phantasie auf ganz besondere Art ...

Bevor J. M. Barrie 1937 verstarb, überschrieb er bereits 1929 sämtliche Rechte seines populären Peter Pan-Stoffes an das Great Ormond Street Hospital für Kinder in London, das seitdem die Einnahmen aus diesen Lizenzen nutzen kann. Die Idee, diese nunmehr annähernd neunzig Jahre währende Verbindung zwischen dem literarischen Werk und dem weltberühmten Kinderkrankenhaus innerhalb eines fiktiven Films zu illustrieren und zu feiern, findet in Peter & Wendy auch eine schelmische dramaturgische Entsprechung. So besetzen die Schauspieler jeweils eine Rolle in der Rahmenhandlung und eine in der Abenteuerwelt Peter Pans, so dass zum Beispiel Lucy gleichzeitig als Wendy agiert, ihre Mutter als Mrs. Darling und der Arzt Dr. Wylie (Stanley Tucci) den fürchterlichen Captain Hook verkörpert. Diese von Lucy imaginierte Identifikation ihrer Lebenswelt mit der Fiktion schafft eine Brücke von hier nach dort, die erheblich dazu beiträgt, dass sich das Mädchen letztlich der enormen Herausforderung stellt, in beiden zu bestehen, wie Kameramann Tony Miller in einem Interview bemerkt, das unter den interessanten Extras der DVD zu finden ist.

Drehbuchautor Adrian Hodges hat mit seinem Einfall, das Krankenhaus in einem Peter Pan-Film vorzustellen, auch ein hintergründiges Moment der Tragik der Geschichte eingefangen, das bis auf J. M. Barries eigene Biographie zurückgeht. So habe der schreibende Schotte mit der Erfindung des Peter Pan nicht nur befreundete Kinder erfreut, die ihn dazu inspiriert haben, sondern auch seine Trauer über den frühen Tod seines älteren Bruders David verarbeitet, der nie erwachsen werden konnte. Die Verknüpfung dieses Themas mit dem tatsächlichen Leiden kranker Kinder und ihrer Angehörigen, die im Film als äußerst tapfer dargestellt werden, birgt zwar ein hohes Potenzial an Sentimentalität, verfängt sich jedoch wohlweislich nicht in den Fallstricken derselben, selbst dann nicht, als ein Kind im Krankenhaus stirbt. In dieser Form ist Peter & Wendy ein höchst sensibler, doch kaum kitschiger, dafür kräftig optimistischer Film voll emotionaler Spannkraft, der sowohl ein junges bis jugendliches als auch ein erwachsenes Publikum ansprechen und berühren dürfte.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/peter-wendy