Menschen im Hotel

Abbild der Gesellschaft

Eine Filmkritik von Falk Straub

Die Autorin Vicki Baum hat sich selbst einmal als „erstklassige Schriftstellerin zweiter Güte“ bezeichnet. Das war zwar ironisch gemeint, viele Kritiker übernahmen die Aussage jedoch widerspruchslos. Baum war es egal, schließlich konnte sie von ihren Büchern leben. Zahlreiche ihrer Romane wurden verfilmt; ihr wohl berühmtester, Menschen im Hotel, gleich drei Mal. Nach einer Adaption mit Greta Garbo und John Barrymore unter dem Originaltitel Grand Hotel (1932) und deren Variation Week-End at the Waldorf (1945) mit Ginger Rogers und Walter Pidgeon folgte 1959 die erste deutschsprachige Verfilmung. Und auch hier bilden die Gäste eines Luxushotels einen Querschnitt der Gesellschaft.

Ganz unten auf der Leiter steht die Stenotypistin Fräulein Flamm (Sonja Ziemann), von allen nur Flämmchen genannt. Sie träumt von einem Auto und einer eigenen Wohnung. Das monetäre Glück würde sie gern mit dem privaten verbinden. Auf ihrem Weg nach oben macht sie deshalb dem gutaussehenden Baron von Gaigern (O. W. Fischer) schöne Augen. Was Flämmchen nicht weiß: Der aus Ungarn geflohene Adlige ist bankrott. Sein luxuriöses Auftreten ist nur Fassade. Des Nachts nimmt er die wohlhabenden Hotelgäste aus. Als nächstes Opfer hat er sich die alternde Primaballerina Grusinskaja (Michèle Morgan) auserkoren. Doch dann kommt alles anders. Flämmchen ist schließlich auf die schmierigen Avancen des Industriellen Preysing (Gert Fröbe) angewiesen. Als unerwartet dessen Buchhalter Kringelein (Heinz Rühmann) im Hotel auftaucht, nimmt die Handlung so richtig Fahrt auf.

Unter der Regie von Gottfried Reinhardt versammelte Produzent Artur Brauner Ende der 1950er die erste Riege des deutschsprachigen Kinos. In Reinhardts Sozialstudie kommt der Buchhalter Kringelein weitaus besser weg als in der Vorlage. In Menschen im Hotel ist er das personifizierte Gewissen des kleinen Mannes. Heinz Rühmann spielt ihn mit einer Mischung aus Ernst und Understatement. Kringelein ist vom Baron von Gaigern fasziniert, freilich ohne von dessen schmutzigen Geschäften zu wissen. Von seinem Chef Preysing ist der Buchhalter hingegen enttäuscht. Kringelein, ein kleiner Mann zwischen zwei großen Betrügern, die unterschiedlicher jedoch kaum sein könnten. Auf der einen Seite der elegante Adlige mit Hang zum Fatalismus, der bei aller Hochstapelei im Kern zutiefst moralisch bleibt. Auf der anderen Seite der bullige Industrielle mit Hang zum Größenwahn, der sich stets nimmt, was er will. Eine Paraderolle für Gert Fröbe, der Preysing zugleich so polternd, lüstern und schmierig anlegt, dass sich mit Kringelein auch das Publikum angeekelt abwendet.

Seine Gesellschaftskritik, die den (auch sexuellen) Machtmissbrauch offen anspricht, packt Reinhardt in Bilder voll weichem Licht und niedriger Kontraste. Bis auf wenige, leichte Verschmutzungen sind diese auch auf der DVD von guter Qualität. Auf der Tonspur hingegen ist das ein oder andere Rauschen und Knistern zu hören. Die Kamera bewegt der Sohn des berühmten Theatermachers Max Reinhardt nur wenig, aber wenn, dann elegant. Als Baron von Gaigern bei der Grusinskaja einbricht, passt sich die Kamera dem Eindringling an. Geschmeidig gleitet sie mit dem Baron rückwärts und eröffnet dem Publikum den Blick auf die wahren Ausmaße der Hotelsuite.

Ganz so elegant ist das Drehbuch aus Hans Jacobys und Ladislaus Fodors Feder leider nicht ausgefallen. Zwar sind die Dialoge durchweg gelungen, häufig pointiert. In seiner Dramaturgie und in der einseitig überzeichneten Charakterisierung der Figuren bleibt der Film hingegen arg plakativ. Sehenswert ist er allemal. Am Ende ist Menschen im Hotel dann doch etwas mehr als nur eine erstklassige Verfilmung zweiter Güte.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/menschen-im-hotel