Apocalypse Now - Final Cut (1979)

Keiner ist böse und keiner ist gut

Eine Filmkritik von Simon Hauck

„Finden Sie Colonel Kurtz. Und beenden Sie sein Kommando!“ Der berühmte Auftrag, den der alkoholkrank irrlichternde Captain Willard (Martin Sheen in der Rolle seines Lebens) zu Beginn von Francis Ford Coppolas Opus Magnum Apocalypse Now (1979/2001/2019) erhält, klingt im ersten Moment verhältnismäßig simpel und wie eine von vielen klassischen search and destroy missions im alles andere als simplen Vietnamkrieg, der für die USA am Ende einen traumatischen Pyrrhus-Sieg markierte und die einstige „Weltpolizei“ innen- wie außenpolitisch bis ins Mark erschütterte.

58.135 amerikanische GIs und Spezialkräfte verloren zwischen 1964 bis 1975 ihr Leben in Vietnam und Kambodscha. Über 300.000 US-Soldaten erlitten teilweise starke Verwundungen oder Amputationen, während etwa eine Million bewaffnete Südvietnamesen fielen und über zwei Millionen tote Zivilisten zu beklagen waren und noch einmal so viele verstümmelt oder durch giftige Chemikaliencocktails irreversibel geschädigt wurden. Kein Zweifel: Das „Abenteuer Vietnam“ (Henry Kissinger) hatte sich innerhalb von zwölf quälend langen Jahren zu einem regelrechten Alptraum für alle Kriegsparteien entwickelt.

Genau von diesem wüsten Kriegsszenario, in dem zwischen inneren Dämonen und täglichen Barbareien im Dschungel frei nach Fassbinder „keiner gut und keiner böse ist“, erzählte Coppolas mit der „Goldenen Palme“ prämierter Antikriegsfilm nachdrücklicher als jeder andere filmische Versuch Hollywoods (wie zum Beispiel Michael Ciminos Die durch die Hölle gehen oder Oliver Stones Platoon). Nämlich davon, wie man sich dem realen Irrsinn jenes Krieges mit den Mitteln des Unterhaltungs- oder besser gesagt: Überwältigungskinos nähern kann.

Was nun Coppolas neue – und wirklich letzte? – Final-Cut-Fassung auszeichnet, ist weniger seine kürzere Fassung (gut 20 Minuten wurden noch einmal aus der verlängerten Kinofassung (Apocalypse Now – Redux von 2001 herausgeschnitten), sondern en gros der satte Griff in die digitale Trickkiste: Sowohl ein wuchtig brummendes Sounddesign in Dolby Atmos als auch die deutlicher konturierten Tag- und Nachtszenen an Deck wie an Land katapultieren Coppolas kontrovers diskutiertes Meisterwerk in ein überwältigendes Leinwanderlebnis. Zuletzt war es nach seiner Weltpremiere auf dem Tribeca Film Festival während des Filmfest München zu sehen, bevor dieses ebenso in der Realität ausufernde Kriegsepos (Coppola: „Wir waren im Dschungel. Wir waren zu viele. Wir hatten Zugriff auf zu viel Geld, zu viel Equipment. Nach und nach wurden wir alle verrückt“) am 15. Juli erneut kurzzeitig in die Kinos kommt.

Denn der heute leider außerhalb von Cineastenkreisen nur noch selten geäußerte Satz „Das ist ein Film für die große Leinwand!“ trifft mit Ausnahme von Werner Herzogs Kinski-im-Urwald-Abenteuer Fitzcarraldo (1982) auf kaum einen anderen Spielfilm mit derartiger Produktions- wie Rezeptionsgeschichte so deutlich zu wie auf Apocalypse Now. Der irrlichternde Wahnsinn des Plots, in dem nun beispielsweise der Besuch der Playboy-Models via Hubschrauber fehlt, wohingegen die wenig stringente Abendessen-Szene mit den französischen Kolonialisten aus der Redux-Fassung enthalten blieb, hat auch in der Final-Cut-Version bei einer Neusichtung nichts von seiner immensen audiovisuellen Überfallstrategie (Bildgestaltung: Vittorio Storaro / Schnitt: Walter Murch mit Mark Berger, Nathan Boxer und Richard Beggs) eingebüßt.

Egal ob im anfänglichen Napalm-Bomben-Inferno, zu dem Jim Morrison „The End“ intoniert, in den grotesk überzeichneten Luftangriffsszenarien mit Robert Duvall als Lieutenant Kilgore, der bevorzugt Wagners Walkürenritt erschallen lässt, oder in dem rituellen Schlachthaus- und Kannibalensetting der letzten 30 Minuten: Der Schrecken des Krieges und seine barbarischen Fratzen offenbaren sich in Coppolas später oft zitierter mise en scène aufs Eindrücklichste und lassen den Betrachter auch vier Jahrzehnte später mit mehreren Koffern voller ambivalenter Gefühle im Kinosessel zurück.

Ist das Ganze nun ein grandios-absurdes Grand-Guignol-Spektakel in optisch brillanter 4K-Restauration, das den Krieg und seine Macher verhöhnt? Oder doch eine einzige audiovisuelle Materialschlacht mit finanzieller Unterstützung der US Army, die mit faschistischen Allmachtsphantasien hantiert, was sich in zahlreichen untersichtigen Einstellungen niederschlägt und letzten Endes einen höchst widerlichen Agitprop-Geist („Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen“) versprüht? Wird hier Gewalt bloß verherrlicht oder mit den Mitteln des Unterhaltungskinos auf besonders intelligente Weise dekonstruiert, wie sich das eindrucksvoll im kurzen Cameo-Auftritt des Regisseurs als Kriegsreporter („Nicht in die Kamera schauen, nicht in die Kamera schauen!“) manifestiert?

Eine einzelne Filmkritik kann sicherlich nicht beantworten, was in der Vergangenheit bereits in hunderten akademischen Arbeiten ausgiebig erörtert wurde. Aber eines steht unwiederbringlich fest: Ein filmisches Monstrum (Dennis Hopper: „Die Köpfe, die Köpfe. Manchmal geht er zu weit.“) wie Apocalypse Now – Final Cut konnte so nur Ende der 1970er Jahre entstehen. Also in der ausgeflippten Endzeit des Prä-Blockbusterkinos, in der das einstige New-Hollywood-Wunderkind Francis Ford Coppola noch einmal alles auf eine Karte setzte und mit diesem Vietnam-Furor einen nach wie vor enorm verstörenden Filmtrip realisierte, dem nur wenige filmische Kunstwerke des 20. Jahrhunderts gewachsen sind. Denn hier schlägt es wirklich: Das frei adaptierte Herz der Finsternis (Joseph Conrad). Hypnotisch – surreal – kongenial.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/apocalypse-now-1979