Open Windows

Alles ist öffentlich, nichts ist sicher

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Nick ist Administrator einer Jill-Goddard-Fansite und hat bei einer Online-Verlosung ein "meet & greet" mit der begehrten B-Movie-Schauspielerin gewonnen. Kurz vor dem vereinbarten Termin wird Nick jedoch von einem gewissen Chord davon in Kenntnis gesetzt, dass Jill das Treffen gecancelt hat. Der junge Mann ist enttäuscht – und geht auf ein unmoralisches Angebot des Anrufers ein: Chord hat Jills Smartphone gehackt und ermöglicht es Nick nun, seinen Schwarm mittels der Kamera des Mobilgeräts zu beobachten. Und das ist erst der Anfang – denn Chords Hacking-Aktivitäten erweisen sich als weit umfassender, als Nick sich je hätte träumen lassen. Schon bald wird dem unbedarften Fanboy allerdings klar, dass Chord keineswegs uneigennützig agiert – und dass sich sowohl Jill als auch er selbst in einer lebensgefährlichen Situation befinden.

Wie dank ausgiebiger Berichterstattung bekannt ist, wurden zwischen August und Oktober 2014 private Promi-Fotos im Netz veröffentlicht, die aus geknackten iCloud-Accounts der Betroffenen stammten. Open Windows wirkt (wiewohl der Film einige Zeit vor dem Hack-Skandal entstand) wie ein satirischer Kommentar zu jenem schamlosen Eindringen in die Privatsphäre berühmter, weiblicher Personen. Um vom Voyeurismus in unserer "Alles ist öffentlich"-Zeit zu erzählen, arbeitet Vigalondo mit deutlichen Zuspitzungen; der psychopathische Hacker Chord scheint geradezu allmächtig zu sein. Sofern man bereit ist, die zunehmende Absurdität des Geschehens nicht als Schwäche, sondern als bewusstes dramaturgisches Mittel zu begreifen, lässt sich der pechschwarze Humor dieser zeitgenössischen Fenster zum Hof-Variante genießen.

Aus dem Hitchcock'schen Fenster sind bei Vigalondo viele kleine "windows" geworden, die nicht (wie einst) nur den eingeschränkten Blick auf das Treiben in einer kleinen Wohnanlage freigeben, sondern Einsicht in alle denkbaren Winkel eines Menschenlebens gewähren. Stilistisch bemerkenswert ist, dass sich die Bilder von Open Windows ausschließlich aus Videoaufnahmen zusammensetzen, die auf Nicks Laptop zu sehen sind – was zu einer modernen Abwandlung der filmischen Split-Screen-Technik führt.

Die Gefahr, dass das Ganze rasch wie ein albernes Computerspiel wirkt, wird von Elijah Wood gekonnt verhindert – denn die zunächst zwiespältigen Gefühle seiner Figur kann Wood ebenso glaubhaft vermitteln wie die Panik, die Nick im Laufe der twistreichen Handlung überkommt. Mit Sasha Grey wird dem versierten Charakterdarsteller zudem ein interessanter Co-Star gegenübergestellt: Die Ex-Pornoakteurin spielt hier clever mit ihrem Image als Projektionsfläche männlicher Lust und verleiht der aufstrebenden Genreschauspielerin Jill ein eigenes Profil zwischen Frustration und trotzigem Ermächtigungswunsch.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/open-windows