Varan - Das Monster aus der Urzeit

King Varan

Eine Filmkritik von Stefan Dabrock

Neben Godzilla, dem wohl bekanntesten Monster-Export aus Japan, tummeln sich in der Filmgeschichte des fernöstlichen Landes noch weitere Riesenkreaturen mit weniger Leinwandeinsätzen. Eine davon ist Varan, die Godzilla-Schöpfer Ishirô Honda höchstselbst aus der Taufe gehoben hat, um der Menschheit ein zünftiges Abenteuer zu bescheren.
Bei der Expedition in einen abgelegen-bergigen Teil Japans kommen zwei Biologiestudenten aus der Forschungsgruppe Dr. Sugimotos (Koreya Senda) auf mysteriöse Weise ums Leben. Yuriko (Ayumi Sonoda), die Schwester eines der Opfer, möchte ihren journalistischen Rang erhöhen, indem sie Licht in das Dunkel der Angelegenheit bringt. Gemeinsam mit Sugimotos Mitarbeiter Kenji (Kôzô Nomura) und Fotograf Horiguchi (Fumito Matsuo) macht sie sich auf den beschwerlichen Weg ins Dorf Iwaya, dessen Bewohner eine rätselhafte Kreatur als Gottheit fürchten. Sie nennen sie Baradagi. Nach ersten dramatischen Ereignissen taucht Baradagi, der titelgebende Varan (Haruo Nakajima), aus seinem Versteck auf, zerstört das Dorf und versetzt alle in Angst und Schrecken. Das ruft die japanische Armee auf den Plan, die den als gefährlich eingestuften Varan ins Jenseits befördern möchte. Dabei greift die Führungsspitze der Streitkräfte nicht nur auf Bombenexperten, sondern auch auf den Rat Sugimotos zurück. Doch das Monster ist zäher als gedacht.

Neben offensichtlichen Parallelen zum ersten Godzilla / Gojira (Japan 1954) – unter anderem sieht der Varan seinem Vorbild sehr ähnlich – lässt Drehbuchautor Shin'ichi Sekizawa auch seiner Begeisterung für King Kong und die weiße Frau / King Kong (Regie: Merian C. Cooper, Enerst B. Schoedsack, USA 1933) freien Lauf. Die Eingeborenen mit ihrer ängstlichen Verehrung für eine Kreatur, die sie durch Gebete milde stimmen wollen, könnten auch von der Südseeinsel des Riesenaffen stammen. Sie bilden aber nur eine motivische Verzierung als Wiedererkennungswert für das mögliche internationale Publikum, das bei dieser Godzilla-Variante angepeilt gewesen sein dürfte. Jörg Buttgereit erläutert im DVD-Vorwort, dass Varan Gerüchten zufolge eine US-Auftragsproduktion war. Außerdem verleiht das Wildnissetting dem Film eine exotische Atmosphäre, die man bei den Godzilla-Filmen nicht so oft findet. Im Mittelpunkt steht aber der militärische Kampf gegen die Riesenechse.

Einfallsreich variieren Sekizawa und Honda die Methoden, mit denen die Streitkräfte dem gigantischen Wesen beikommen wollen. Unterwasserangriffe, Luftschläge, Panzer und sonstige Tricks werden aufgefahren, um die Auseinandersetzung zwischen Mensch und Kreatur spektakulär aufzuladen. Das gelingt auch mühelos, obwohl man auf große Zerstörungsorgien ganzer Stadtviertel verzichten muss. Denn die Handlung hält sich von den Zentren der Metropolen fern. Das verstärkt indes die Unschuld des Varans, der nur dann zu gewalttätigen Mitteln greift, wenn er zuvor angegriffen wurde. Verständlicherweise verselbständigt sich sein Zorn angesichts ständiger Attacken irgendwann, sodass er auch Unschuldige in den Tod befördert. Die aufgeklärte Menschheit aus Wissenschaft, Militär, Presse und sonstigen vermeintlichen Leistungsträgern der Gesellschaft verhält sich deswegen kaum rationaler, als die Eingeborenen des kleinen Dorfes Iwaya. Vorurteile und Ängste müssen als Begründung für das gewalttätige Eingreifen herhalten. Ganz nebenbei hält uns Varan einen Spiegel vor, in dem wir unsere irrationale Seite erkennen können, die ein erhebliches Bedrohungspotential entfacht. So ist auch dieser japanische Monsterfilm etwas mehr, als nur ein Ausflug in eine unbekannte Abenteuerwelt.

Da Varan – Das Monster aus der Urzeit niemals einen deutschen Kinostart oder eine hiesige offizielle VHS-Veröffentlichung erfahren hat, kann man hierzulande das Werk mit Fug und Recht als Rarität bezeichnen. Vor diesem Hintergrund ist die DVD gut gelungen. Die Vorlage kommt ohne nennenswerte Verschmutzungen oder Bildeffekte aus, was nicht unbedingt zu erwarten war. Die Schärfe ist nicht besonders gut, weil der komplette Film recht weich aussieht. Dennoch lässt sich der Film gut ansehen. Der Kontrast ist völlig in Ordnung, auch wenn manche Aufnahmen altersbedingt milchig wirken. Bei komplett grauen Himmelaufnahmen sind allerdings Kanten zwischen unterschiedlich dunklen Graustufen erkennbar, die Übergänge sind nicht so fließend, wie man sich das wünscht. Das kommt aber nur selten vor. Insgesamt ist die Bildqualität für diesen seltenen Film angemessen. Mehr dürfte aus der Vorlage nicht herauszuholen gewesen sein.

Beim Ton kann man zwischen einem japanischen 5.1-Upmix sowie der japanischen Originaltonspur und der deutschen Synchronisation im 2.0-Format wählen. Der Upmix wurde dezent durchgeführt, sodass sich nicht das Gefühl eines grotesk aufgemotzten Klangs einstellt. Sorgfältig ausgewählte Toneffekte nutzen die hinteren Lautsprecher beispielsweise dann, wenn der Varan auf der Bildfläche erscheint. So macht das 5.1-Format Spaß. Nennenswertes Rauschen gibt es nicht. Der Ton klingt allerdings etwas dumpf.
Das gilt auch für den japanischen 2.0-Ton, der sich vom Upmix nur durch das Fehlen der Surroundeffekte unterscheidet.

Der deutsche 2.0-Ton ist weniger dumpf, weist aber leichte Verzerrungen bei den Höhen auf. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Synchronisation sehr neu ist. Vielleicht wollte man den Eindruck erwecken, auch die deutsche Sprachfassung sei so alt wie der Film, um die Wahrnehmung nicht zu stören.

Das Bonusmaterial besteht aus einem Vorwort von Jörg Buttgereit und Bodo Traber, die den Film kurz in den zeitlichen Genrekontext einordnen, und einem Interview mit dem Regisseur und Drehbuchautoren Shusuke Kaneko, das Buttgereit vor ein paar Jahren geführt hat. Kaneko, der in den 1990er Jahren mehrere Gamera-Filme und 2001 Godzilla, Mothra und King Ghidora drehte, stellt in dem guten Interview Überlegungen zur Rolle des japanischen Militärs an. Er reflektiert über die weitgehende Unfähigkeit der Streitkräfte, Monster besiegen zu können, und leitet daraus gesellschaftliche Befindlichkeiten ab. Die Zukunft des Monsterfilm-Genres sowie die Frage, ob entsprechende Werke hauptsächlich Männer ansprechen, spielen ebenfalls eine Rolle.

Der einzige Nachteil des Interviews ist dessen technische Präsentation, weil die deutschen Untertitel zu den Antworten Kanekos mit zum Teil wechselnder Geschwindigkeit von links nach rechts laufen. Man muss sich schon gut konzentrieren, um den Ausführungen folgen zu können. Außerdem musste ich das Format meines Blurayplayers auf 4:3 umstellen, damit sie überhaupt vollständig im Bild waren.
Trailer zum Film sind auf der DVD auch enthalten.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/varan-das-monster-aus-der-urzeit