Das Narrenschiff

Mit Heinz Rühmann nach Hollywood

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Als das Schiff im Jahre 1933 den Hafen von Veracruz an der Atlantikküste Mexikos verlässt, dräuen die Wolken unheilvoll am Horizont. Insgesamt 27 Tage soll die Reise ins winterliche Bremerhaven dauern, fast vier Wochen auf hoher See. Und an Bord befinden sich Menschen unterschiedlichster Herkunft, die einem ungewissen Schicksal entgegenfahren – unter ihnen auch 600 Pflanzer, die auf dem Zwischendeck unter unvorstellbaren Bedingungen hausen, während in den Salons und Speisesälen die Eitelkeiten der wohlhabenderen Passagiere aufeinanderprallen. In diesen Räumlichkeiten prallt der stramm deutschnationale Verleger Rieber (José Ferrer) auf den freundlichen jüdischen Kaufmann Löwenthal – und muss alsbald zähneknirschend hinnehmen, dass er ausgerechnet mit diesem die Kabine teilt. Auch in der Beziehung zwischen den jungen Deutschen Jenny (Elizabeth Ashley) und dem egozentrischen amerikanischen Maler David (George Segal) kriselt es. Zwar sind die beiden sichtlich ineinander verliebt, doch ist Jenny wirklich bereit, für die Karriere ihres von Selbstzweifeln zerfressenen Freundes ihr Leben aufzugeben? Neben diesen beiden Erzählsträngen gibt es zudem noch die Affäre zwischen dem herzkranken Schiffsarzt Dr. Schumann (Oskar Werner) und einer spanischen Adligen (Simone Signoret), die versucht, ihren Schmerz mit Medikamenten zu betäuben. Auch die tapsigen Annäherungsversuche des gescheiterten Baseballprofis Tenny (Lee Marvin als sabbernder Sexprotz) an die hochmütige Mary Treadwell (Vivien Leigh) sowie eine spanische Flamenco-Truppe, deren weibliche Mitglieder sich allesamt prostituieren, sowie das Gefühl einer nahenden dramatischen politischen und gesellschaftlichen Umwälzung im Zielland Deutschland sorgen dafür, dass der bunt gemischten Reisegesellschaft eine turbulente Überfahrt bevorsteht.

Ein klein wenig erinnert Stanley Kramers Film in seiner Grundkonstellation an Vicki Baums closed-room Szenario von Menschen im Hotel - mit dem kleinen Unterschied, dass es in der Enge des Ozeanriesen kein Draußen mehr gibt, keine andere Welt, in die die Menschen hinaustreten können, um anschließend wieder zurückzukehren. Wie in Baums Buch (etwas weniger deutlich wird dies in der Verfilmung des Romans aus dem Jahre 1932 unter der Regie von Edmund Goulding) bilden auch in Das Narrenschiff die Passagiere einen Querschnitt durch die Gesellschaft jener bewegten 1930er Jahre.

Etwas irritierend ist freilich schon, dass Stanley Kramer sich wenig um ein zeitgenössisches Kolorit und um entsprechende Kostüme sorgt, sondern beides den unverkennbaren Look der frühen Sechziger atmet, was dann doch bei genauerem Hinsehen für Irritationen sorgt. Was den Filmgenuss ebenfalls stört, sind die recht unterschiedlichen Schauspielleistungen: Während Lee Marvin allenfalls als Karikatur zu ertragen ist und Elizabeth Ashley mit George Segal als Liebespaar nicht zu zünden vermag, liefern Simone Signoret, Oskar Werner und auch Vivien Leigh eine erstklassige Leistung ab, die mit manch anderen Holprigkeiten (unter anderem auch den deutlich erkennbaren Rückprojektionen) vergessen lässt. Insgesamt ein vor allem für die damalige Zeit bemerkenswert sarkastischer Blick auf die Gesellschaft (und zwar sowohl die deutsche als auch die amerikanisch geprägte) im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges, der verdeutlicht, warum Kramer als liberales Gewissen Hollywoods galt.

Besonders schön an dieser Neuveröffentlichung ist nicht nur, dass die vorliegende deutsche Fassung um einige Szenen aus dem Original ergänzt ist, die vor allem das Liebespaar Jenny und David betreffen, deren "amour fou" immerhin ein klein wenig mehr Ecken und Kanten bekommt, als dies ursprünglich der Fall war. Was die DVD zusätzlich zu etwas ganz Besonderem macht, ist die ausführliche Einführung von Karen Kramer, der Witwe des im Jahre 2001 verstorbenen Regisseurs sowie zwei Featurettes, die die gelungene Edition abrunden.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/das-narrenschiff