The Berlin File

Spionagedämmerung

Eine Filmkritik von Stefan Dabrock

Der nordkoreanische Geheimdienstler Pyo (Jung-woo Ha) spioniert seit Jahren unerkannt in Berlin, seine Frau (Gianna Jun) arbeitet in der Botschaft ihres Heimatlandes. Der linientreue Spezialagent gerät jedoch in Teufels Küche, als ein Waffendeal mit einem russischen Händler platzt. Denn an der Aktion waren im Hintergrund auch noch der südkoreanische Geheimdienst sowie der Mossad beteiligt. Seine Führung schickt deswegen den skrupellosen Agenten Dong (Seung-beom Ryu) nach Berlin, der die Angelegenheit aufklären soll. Nordkoreas Machthaber glauben, dass es in Berlin einen Maulwurf geben muss. Jetzt merkt Pyo, dass seine Sicherheit in Gefahr ist, weil der Verdacht auf seine Frau und damit auch auf ihn fällt. Um seinen Namen reinzuwaschen, beginnt er einen harten Kampf, der ihn mitten in die undurchsichtige Grauzone aus politischen und privaten Interessen diverser Mächte führt.

Alles, was recht ist, aber der südkoreanische Regisseur Seung-wan Ryoo hat Mumm, einen Actionfilm zu drehen, in dem ein nordkoreanischer Agent als Protagonist auftritt, während sich die südkoreanischen Geheimdienstler in Sachen Zynismus und Widerlichkeit selbst überbieten. Das bedeutet aber nicht, dass Pyo nun ein strahlender Held ist, der über jeden moralischen Zweifel erhaben wäre. Seinem diktatorischen Regime ist er vollständig ergeben, sodass er zunächst versucht, seine eigene Position im System zu retten. Schnell wird ihm aber klar, dass im Heimatland, das er so sehr liebt, persönliche Machtkämpfe jahrelange Linientreue in den Hintergrund drängen können. Sein Widersacher Dong ist natürlich nicht nach Berlin gereist, um die Wahrheit herauszufinden, sondern um für sich und die Leute, die hinter ihm stehen, die Machtposition zu sichern. Wenn dabei ein verdienter Agent wie Pyo über die Klinge springen muss, ist das egal. Der schlittert mitten in seine persönliche Spionagedämmerung hinein, in der keine moralischen Werte mehr zählen. Am Ende arbeiten sie alle, um den eigenen Vorteil zu sichern. Loyalität ist nur noch ein Wort vergangener Tage, falls es jemals ernsthaft wichtig war.

Aus der Gemengelage der egoistischen Interessen schlägt Seung-wan Ryoo energetische Funken, die sich in rabiaten Actionszenen entladen. Verzweifelt kämpfen die Agenten wie gehetzte Tiere um die Fleischstücke sowie ein wenig Sicherheit. Dabei werden die atmosphärischen Gegebenheiten Berlins perfekt ausgenutzt. Die Figuren jagen durch muffige Hinterhof-Szenerien, U-Bahn-Schächte, in denen sie aufeinander schießend nur knapp heranrauschenden Zügen entgehen, verwinkelte Treppenhäuser und durch überwältigend wuchtige Straßenzüge. Sobald die relativ komplizierte Handlung einmal auf den Weg gebracht worden ist, regiert eine Mischung aus taktischen Winkelzügen und Kampf. Aus dem Spionagegeschäft wird so eine existenzielle Auseinandersetzung, in der sich nur die Intensität der Graufärbung unterscheidet. Der hellste Stern ist der Nordkoreaner Pyo, der immerhin ein relativ ehrliches Spiel spielt. Im filtergeschwängerten, bronzefarbenen Zwielicht des Finales geht es dann auch nicht nur um ihn selbst, sondern auch um das Schicksal seiner Frau. Denn Pyo hat inzwischen die Menschlichkeit entdeckt, weil sie angesichts des Zusammenbruchs der alten Werte, das einzige ist, was ihm Halt geben kann.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/the-berlin-file