Mystery

Keine Ode an die Freude

Eine Filmkritik von Patrick Wellinski

Dann folgt in Mystery eine Rückblende. Lu Jie (Hao Lei) ist mit Yongzhao (Qin Hao) glücklich verheiratet und hat eine kleine Tochter über die Lu Jie auf einem Spielplatz Sang Qi (Qi Xi) kennenlernt. Die Frauen werden zu Freundinnen. Das Porträt eines sorgenfreien Mittelklassedaseins wird jäh gestört, als Sang Qi ihrer neuen Freundin Lu Jie beichtet ihr Mann habe eine Affäre. Lu Jie versucht zu beschwichtigen, doch dann geschieht etwas Merkwürdiges: Sang Qi zeigt anscheinend wahllos aus dem Café-Fenster auf ein Pärchen auf der Straße, das in ein Stundenhotel verschwindet. "Wer geht denn um diese Uhrzeit schon in ein Hotel?", fragt Sang Qi provokant. Doch Lu Jie hört das nicht mehr, denn der Kerl, der gerade ins Hotel verschwindet, ist ihr Ehemann.

Mystery besteht aus so vielen fein komponierten Erzählebenen, dass man ihn kaum akkurat zusammenfassen kann. Wie in den besten Krimis oder Thrillern ist nichts wie es scheint. Die meisten Intrigen sind bereits gesponnen, wenn der Zuschauer in die Handlung geworfen wird. So auch hier.

Nach Summer Palace, Spring Fever und Shuzu River bedient sich Lou Ye das erste Mal bewusst am Genrekino. Das tut dem Chinesen, der nach der Premiere von Summer Palace mit einem fünfjährigen Berufsverbot belegt wurde, sichtlich gut. Nachdem sein letzter Film Love and Bruises eher steif und karg Sexualität und Heimatlosigkeit zusammenflicken wollte, ist er nun wieder auf der Höhe seiner Kunst.

Das Drehbuch zu Mystery fügte der langjährige Ye-Kollaborateur Mei Feng aus unterschiedlichen chinesischen Blogs zusammen, die alle die düsteren Facetten des täglichen Lebens im modernen China widerspiegeln. Und so wimmelt das hochkomplexe Skript nur so vor Verbrechen und Kriminalität, Betrug und Intrige, Doppelleben und Lebenslüge. Es kritisiert das dekadente und arrogante Leben der "nouveaux riches" in China, die sich in den explosionsartig gewachsenen Megacities einen exklusiven Lebensstil leisten - und das auf Kosten anderer. Die flirrende Kamera - geführt von Jian Zeng - fängt mit wenigen Pinselstrichen die Strassenschluchten von Wuhan ein, bevor sie sich an die Figuren hängt und diese immer wieder sehr misstrauisch beäugt. Denn hier ist niemand unschuldig. Niemand rein.

Alles ist nur Illusion. Das bürgerliche Leben, das Familienglück, das Auto, die Wohnung, der Flatscreen-Fernseher - das alles stellt sich als genialer Selbstbetrug heraus. Und während die Figuren unter Lou Yes formidabler Regie die Fassung verlieren und sich in ihren Gesichtern der Scherbenhaufen spiegelt, der ihr Leben nun geworden ist, zeigt sich für einen kurzen Moment die politische Radikalität von Mystery.

Wie in den besten Shakespeare-Stücken offenbart sich hier die eklige Fratze hinter der Maske des verkommenen Wohlstandsmenschen. Die Verbrechen der chinesischen Mittelschicht erweisen sich als der gerechte Preis für den Verlust ihrer Menschlichkeit. Nicht umsonst lässt Ye es immer wieder stark regnen, wenn die Figuren ihre Taten begehen (auch das eine Shakespeare-Anleihe). So sieht Regime-Kritik im Kino aus, versteckt im Deckmantel eines unterhaltsamen Genrefilms, der - nebenbei bemerkt - jeden Claude Chabrol Film links liegen lässt. Und Lou Ye bestätigt mit dieser Arbeit wieder mal mehr, dass er zurecht neben Zia Zhang-ke als einer der wichtigsten aktuellen chinesischen Filmemacher gilt.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/mystery