Sennentuntschi

Die Schweiz ist voll der Horror

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Aus der uralten Sage formt Regisseur Michael Steiner gemeinsam mit seinen beiden Co-Autoren Michael Sauter und Stefanie Japp eine auf zwei alternierenden Zeitebenen aufgebaute Geschichte um ein junges, stummes und sichtlich verwildertes Mädchen (Roxane Mesquida), das im Jahre 1975 nach dem mysteriösen Tod eines jungen Priesters im Bündner Bergdorf Trepunt wie aus dem Nichts auftaucht. Keiner kennt sie, keiner hat sie je zuvor gesehen und bis auf den Dorfpolizisten Reusch (Nicolas Ofrazek) will auch keiner etwas mit ihr zu tun haben. Schnell entstehen Gerüchte, dass das Mädchen von der Höhenalp komme, wo Erwin (Andrea Zogg), Martin (Carlos Leal) und der stumme Albert (Joel Basmann) gerade arbeiten. Als Reusch die drei zu der Frau befragen will, ist keiner der Sennen aufzufinden. Schnell dämmert es dem wackeren Polizisten, dass hier etwas Grausames, etwas Ungeheuerliches geschehen sein muss. Was genau, das enthüllt sich erst Jahrzehnte später, in der Jetzt-Zeit. Die Vögel zwitschern und ein kleines Mädchen sammelt Pilze im Wald. Plötzlich taucht ein stummer Junge auf, der ihr den Weg einer Stelle zeigt, wo besonders viele Pilze wachsen. Die Form allerdings, in der die Pilze aus dem Boden sprießen, erinnert in fataler Weise an einen menschlichen Körper...

Michael Steiners Sennentuntschi beginnt schauerlich und webt viele klassisch "gotische" Horrormotive in die Handlung ein. Im Verlaufe des Filmes wird daraus dann eher ein Mystery-Thriller, der mitunter recht amerikanisch in Szene gesetzt wird. Schon der Vorspann erinnert ein klein wenig an jenen der CSI-Folgen. Die Inszenierung ist zackig. Die Schnitte sind schnell und clever, die Ebenen wechseln häufig zwischen verschiedenen Zeiten und Orten hin und her. Das hält die Spannung hoch und legt falsche Fährten – genau so, wie man es sich von diesem Genre auch erwartet.

Schade nur, dass dabei ein paar inhaltliche Ungereimtheiten entstehen, die den Zuschauer hin und wieder stutzen und sich am Ende auch nicht völlig sinnvoll auflösen lassen. Schade auch, dass vor allem aus den Höhenalp-Bewohnern wenig herausgeholt wird. Sie sind und bleiben recht einseitige Charaktere, deren psychologische Präsenz so hölzern ist wie ihr gebautes Tuntschi. Im Großen und Ganzen aber ist Sennentuntschi erfrischend unterhaltsames Kino mit viel Schweizer Charme. Und ein Beweis dafür, dass interessantes und erfolgreiches Genre-Kino keineswegs nur eine rein amerikanische Angelegenheit sein muss - schließlich war Sennentuntschi 2010 in der Schweiz der erfolgreichste Film des Jahres. Wer weiß, vielleicht kann man ja bald den ersten deutschen Berg-Horrorfilm aus deutschen Landen bewundern; die Sagen und Legenden der Alpen böten jedenfalls viel Ausgangsmaterial für solche Experimente.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/sennentuntschi