Peeping Tom

Avantgardistische Horror-Visionen

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Der schüchterne Junggeselle Mark Lewis (Karlheinz Böhm) lebt im Haus seiner verstorbenen Eltern, dessen großzügige Räumlichkeiten er aus finanziellen Gründen untervermietet hat. Hier hat sich der professionelle Kameramann, der tagsüber in einem Filmstudio arbeitet und abends erotisch in Szene gesetzte Frauen fotografiert, deren Bilder dezent unterm Ladentisch gehandelt werden, sein eigenes kleines, geheimes Kino eingerichtet, für dessen umfangreiches Archiv er permanent mit der Kamera unterwegs ist. Es wird rasch deutlich, dass Mark dabei ein fanatischer Anhänger einer ganz besonderen Masche ist: Es ist die Angst in Frauengesichtern, die sein bevorzugtes Motiv darstellt, und hat er einmal diese beunruhigende Emotion gesichtet und gefilmt, neigt Mark dazu, sein Opfer schlichtweg zu töten.

Als sich eine nähere Bekanntschaft mit der jungen Helen (Anna Massey) anbahnt, die mit ihrer blinden Mutter (Maxine Audley) bei ihm zur Untermiete wohnt, erfährt der Zuschauer von Marks traumatischer Kindheit, währenddessen sein Vater ihn als Objekt für seine wissenschaftlichen Forschungen zum Thema Angst auf entwürdigende Weise missbraucht hat. Mit rührender Unbedarftheit öffnet der zurückgezogene Mann der einfühlsamen Helen sowohl den Zugang zu seinen unsagbar entsetzlichen Filmen als auch allmählich zu seiner verstörten Seele, dessen Absonderlichkeit ihm im Zuge dieser Annäherung selbst immer stärker bewusst wird. Während Helen zunächst noch annimmt, Mark sei lediglich das Opfer der grausamen Versuche seines Vaters, spürt ihre blinde Mutter bereits instinktiv, dass von diesem verhuschten Mann eine tückische Gefahr ausgeht …

Mit ungeheuer berührender Ambivalenz zeichnet Regisseur Michael Powell (Der Dieb von Bagdad / The Thief of Bagdad, 1940, Die schwarze Narzisse / Black Narcissus, 1947) das Porträt eines gequälten Mörders, der im Grunde sein gesamtes Leben hinter der Kamera verbringt, die ihm gleichermaßen Schutzschild wie Angriffswaffe ist. Dem deutschen Schauspieler Karlheinz Böhm, der damals mit Anfang dreißig nach den Sissi-Filmen bereits ein Star war, gelingt es hier mit fulminanter Frische, diesen schwierigen, schwelenden Charakter zu verkörpern, dessen wachsender Drang nach Entdeckung sowie sein verstörtes und verstörendes Dasein zu beenden dem Film eine bewegende tragische Komponente verleiht.

Die Omnipräsenz der Kamera in Peeping Tom, dessen Titel ein Synonym für einen Voyeur ist, erschafft eine beklemmende, geradezu visionäre Dimension, deren signifikante Bedeutung mit bemerkenswerter Scharfsichtigkeit weit über die Handlung des Films hinausweist und eine kritische Perspektive auf das Zeitalter der Dominanz des permanent präsenten, jederzeit wieder abrufbar Visuellen wirft, das zu Beginn der 1960er Jahre allenfalls zu erahnen war. Mit akribischer Besessenheit filmt der Mörder nicht nur seine Opfer vor, während und nach der Tat, sondern dokumentiert mit der Kamera auch noch die Ermittlungen der Polizei, was eine der zahlreichen Metaebenen repräsentiert, die Regisseur Michael Powell innerhalb der Dramaturgie installiert hat. In seiner sorgfältigen, sensiblen Inszenierung stellt Peeping Tom ein avantgardistisches, ungefälliges Meisterwerk und zugleich einen packenden Thriller dar, bei dem letztlich der Aspekt der Erlösung der gepeinigten menschlichen Kreatur von einer unerträglichen Furcht auf vielerlei Weise eine tragende Rolle spielt.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/peeping-tom