Via Mala

Über die Grenzen der Erträglichkeit

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Im schweizerischen Hochgebirge unweit der Via Mala-Schlucht treibt der Sägemüller Jonas Laurentz (Mario Adorf) einer Ausgeburt der Hölle gleich sein Unwesen. Der versoffene, verhurte und bestialisch brutale Kerl schikanisiert seine Frau Sophie (Milena Vukotic) sowie seine erwachsenen Kinder mit übelsten Beschimpfungen und skrupellosen Gewalttätigkeiten. Gönnt der cholerische Patriarch seiner Familie nicht einmal das Existenzminimum, bestiehlt er auch noch Frau und Kinder und rafft auch sonst jeden Penny an sich, den er kriegen kann, um seinen verdorbenen Lebensstil zu finanzieren. Als Jonas Laurentz, der in der gesamten Gegend als heruntergekommener Säufer bekannt ist, schließlich auf Grund seiner kriminellen Brutalität für eine Weile ins Gefängnis muss, atmet seine Familie erleichtert auf und bemüht sich nach Kräften, nunmehr eine würdige Existenz zu führen.

Die wenigen Monate, die der Vater abbüßen muss, sind jedoch bald vorüber, und es zeigt sich rasch, dass Jonas Laurentz in der Haft keineswegs geläutert wurde. Nach seiner Heimkehr droht sich die unerträgliche Quälerei für die Familie erneut fortzusetzen, und es hat den Anschein, dass er im Gefängnis noch stärker verroht ist, denn er macht selbst vor dem kleinen ererbten Besitztum seiner Lieblingstochter Silvie (Maruschka Detmers) nicht Halt. Durch die Abwesenheit des Vaters ein wenig gestärkt und nicht bereit, wiederum ihr Dasein wie permanent gedemütigte und geprügelte Kreaturen zu verbringen, regt sich Widerstandsgeist innerhalb der Familie Laurentz, vor allem bei Sohn Niklaus (Dominique Pinon), der nach etlichen Malträtierungen körperlich stark eingeschränkt ist, sowie bei seiner Tochter Hanna (Sissy Höfferer), und auch ihre Mutter Sophie ist nicht länger willens, ihren gemeinen und gefährlichen Mann zu ertragen ...

Über mehr als vier Stunden auf zwei DVDs verteilt erstrecken sich die drei Teile dieser für das Fernsehpublikum mit ein paar gefälligen Details wie der nackten Maruschka Detmers angereicherten Version der Geschichte, die mit Mario Adorf als populäre Filmikone kräftig dort punkten kann, wo sich die Dramaturgie in allzu seichte Ebenen begibt. Auch wenn Via Mala es vor allem in der letzten Episode vermag, die moralische Tiefgründigkeit des Stoffes zu transportieren, steht hier im Gegensatz zu der puristischen, eindringlichen Verfilmung von Paul May mit Gert Fröbe als Jonas Laurentz überwiegend der letztlich zu ausführlich angelegte Unterhaltungsaspekt im Vordergrund. Und dieser gestaltet sich keineswegs gering, ist es doch allein schon ein Vergnügen, den massigen, stimmgewaltigen Mario Adorf wüten zu sehen, auch wenn die anderen Charaktere schlichtweg zu blass bleiben und die Abgründe des dichten Themas sich nur andeutungsweise erheben.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/via-mala