Tsahal

Dialektik der Macht und der moralischen Ambivalenz

Eine Filmkritik von Sven Jachmann

Lanzmann setzt fort und spezifiziert, was in Warum Israel universal behandelt wurde: Wo sind die Bruchstellen, wenn die Frage nach der Normalität nationaler und staatlicher Identität gleichzeitig immer eine nach der gelebten Anormalität ist, hieß es da. Konkret etwa: Wie kann ein Jude einen Juden verhaften? Und nun: Wie funktioniert und was impliziert die Wiederaneignung von Gewalt in einer Welt, in der einzig Staaten individuelle und kollektive Sicherheit bieten ? Und was bedeutet das für einen Staat, dessen Bevölkerung den Versuch ihrer gesamten Auslöschung er- und überlebte und der sich mit dem ersten Tag seiner Gründung – ohne irgendeine institutionalisierte und tradierte Erfahrung im Umgang mit Gewalt - gegen seine Vernichtung zu wehren hat? Konkret also: Was unterscheidet diese Armee von allen anderen?

Es ist die Geschichte von einer wiedererlernten Wehrhaftigkeit, der Wiederaneignung des Muts – und der Angst um das Überleben. Defensivität und Angriff als widersprüchliche Doktrin werden von Lanzmann rückübersetzt als Erfahrung des Holocaust. Geschieht ein Angriff aus dem Hinterhalt, so lautet die Prämisse, sich sofort nach vorne auf die Gewehre zu stürzen. Das erhöhe zwar nicht das Überleben, sei aber ein anderer Tot, so General Vilnai. Das ist wohl die wichtigste Lehre: Die Passivität bedeutete den Weg in die Gaskammern. David Grossmann sagt irgendwann, der Grund dafür, dass Israel auf die Intifada völlig unvorbereitet war, sei der, dass man sich nie als Besatzungsmacht verstanden habe. Das ist der Grund, warum hier alle Worte und Gesichter vom Zweifel und nie vom Heroismus zeugen: Eine widerspruchsfreie Armee kann nicht existieren. Das ist zugleich die schmerzhafte Erkenntnis, die darum weiß, dass sie dieser Armee überhaupt ihre Existenz verdankt.

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