Der erste Schrei

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Dem erstaunlichen Vertrauen, mit dem sich die Mütter mit ihren Familien in einigen der intimsten Momente ihres Lebens filmen lassen, begegnet die Kamera Gilles de Maistres mit respektvoller Nähe, umgeben von atmosphärisch warmen Kompositionen aus Musik und sehr persönlichen bis informativen Kommentaren, die die Geburtsgeschichte eines frischen Menschenwesens vor dem Hintergrund seiner Herkunft erzählen. Schmerz, Tränen und Freude liegen dabei derart nahe beieinander, dass eine emotional höchst konzentrierte Stimmung entsteht, die würdig eine kunstvoll arrangierte Hommage an das Leben in seinem natürlich nackten Beginn präsentiert. Dieser stets wertschätzende Blick auf die Mütter und ihren Nachwuchs erscheint auch als Sichtung der existenziellen Bedingungen der Menschwerdung im dritten Jahrtausend nach christlicher Zeitrechnung, mit all ihren unterschiedlichen Ausprägungen.

Die tragische Katastrophe, dass eine der porträtierten Mütter den allzu frühen Tod ihres Babys verkraften muss, wird in Der erste Schrei ebenso offen thematisiert wie der Verzicht auf professionelle Hilfe bei der Niederkunft innerhalb der Wohlstandsgesellschaft mit ihrem ambivalenten Bedürfnis nach ursprünglicher Natürlichkeit, das dann doch von Kameras, Mobiltelefonen und weiteren technischen Errungenschaften flankiert wird. Doch Gilles de Maistre verzichtet völlig auf moralische Bewertungen der Umstände oder Protagonisten, und genau darin liegt einerseits die hervorragende Qualität des Films und andererseits sein unmittelbarer Effekt einer intensiven Nachdenklichkeit über die grundlegenden Fragen des Daseins – ein zutiefst berührender Film, der auch für Kinder geeignet ist und dazu inspiriert, die eigenen familiären Geburtsgeschichten wieder einmal zu betrachten und sich an die heilige Prächtigkeit eines Neugeborenen zu erinnern.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/der-erste-schrei