Die bleierne Zeit

Schwere Schwestern

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Juliane (Jutta Lampe) und Marianne (Barbara Sukowa) sind Schwestern, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gemeinsam in einem Pfarrhaushalt aufwuchsen. Beide Frauen engagieren sich nun auf ihre sehr unterschiedliche Weise innerhalb der politischen Linken, geprägt von den gewaltigen Bewegungen der so genannten 68er-Generation. Die ältere Juliane, die in Rückblicken als eigensinniger, rebellischer Teenager gezeigt wird, arbeitet als Redakteurin für eine feministische Zeitschrift, während sich die als Kind recht sensibel erscheinende Marianne der RAF angeschlossen hat.

Eines Tages wird der kleine Jan, der Sohn Mariannes, der bei seinem Vater Werner (Luc Bondy) lebt, kurzerhand von diesem bei seiner kinderlosen, protestierenden Tante Juliane abgeliefert, die sich um seinen weiteren Verbleib kümmern soll, und bald darauf geht Werner in den Freitod. Das Verhältnis zwischen Juliane und Marianne gestaltet sich auch in Bezug auf das Kind, das die Mutter längst verlassen hat, ausgesprochen kühl, doch bei gelegentlichen Begegnungen unterstützt Juliane ihre jüngere Schwester trotz aller Konflikte sozusagen passiv – eine Haltung, die in aktive und letztlich sogar geradezu besessene Anteilnahme und ebensolches Engagement umschlägt, als Marianne schließlich im Hochsicherheitstrakt inhaftiert wird und sich nach ihrem spektakulären Tod im Gefängnis noch dramatisch zuspitzt.

Die bleierne Zeit entstand bereits vier Jahre nach dem Tod von Gudrun Ensslin, und Regisseurin Margarethe von Trotta, die auch das Drehbuch verfasste, traf bei deren Beerdigung ihre Schwester Christiane, die ihr in einigen gemeinsam verbrachten Tagen ihre Geschichte erzählte. Daraus entwickelte sich die Idee zu diesem Film über eine extreme Schwestern-Beziehung am Rande der Geschichte der RAF, in der die schmerzlich ambivalente Verbindung der beiden Frauen im Vordergrund steht und die gesellschaftspolitischen Dimensionen zunächst überwiegend implizit erscheinen. Der unaufdringlich künstlerisch gestaltete, beinahe nüchterne Film, der dem Zuschauer keinen Augenblick des Wohlgefühls gönnt, erhielt trotzdem oder deshalb renommierte Auszeichnungen, darunter den Goldenen Löwen und den FIPRESCI-Preis der Filmfestspiele von Venedig 1981 und den Deutschen Filmpreis 1982. Die bleierne Zeit stellt gleichzeitig mehrere Aspekte ihrer Titel gebenden Schwere dar, und darin liegt die komplexe Brillanz dieses Films mit einem vagen und doch absolut heftigen Ende, der eine Position bezieht, die sich jenseits des Politischen bewegt, ohne dieses auszublenden, und die dem Film als Widmung vorangeschickt wird: Für Christiane.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/die-bleierne-zeit