Leben!

Hoffnung als menschliche Grundkonstante

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Der junge Fugui (Ge You) lebt Anfang der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts mit seiner schwangeren Frau Jiazhen (Gong Li) und seiner kleinen Tochter im Haus seiner nicht unvermögenden Eltern. Die Spielsucht hat den sorglos vor sich hin lebenden Mann gepackt, und er kann ihr nicht eher entfliehen, bis seine Frau ihn gemeinsam mit der Tochter verlässt und das gesamte Hab und Gut der Familie für seine Schulden veräußert werden muss, was seinen wütenden und verzweifelten Vater dahinrafft und Fugui in bitterer Armut allein und hilflos zurücklässt, der kaum in der Lage ist, für seine kranke Mutter zu sorgen. Doch die ganz üblen Tage gehen vorüber, vor allem als Jiazhen, die mittlerweile einen kleinen Jungen geboren hat, mit beiden Kindern zu ihm zurückkehrt und Fugui ein kleines Schattenspieltheater in die Hände gerät, mit dem er ein bescheidenes Einkommen einspielen kann. Während des folgenden Bürgerkriegs allerdings wird Fugui zum Militärdienst gezwungen und kämpft vor allem um das eigene Überleben, in großer Sorge um die Familie, zu der er schließlich mit großem Glück heimkehren kann. Seine Mutter ist verstorben, seine Tochter stumm und beinahe taub, doch die kleine Familie bemüht sich, innerhalb der sich stark verändernden Gesellschaft unter der Diktatur Mao Zedongs ein unauffälliges, bescheidenes Leben zu fristen. Doch der nächste Schicksalsschlag in den schwierigen und gefährlichen Zeiten, in denen etliche potentielle oder tatäschliche so genannte Staatsfeinde verfolgt und ermordet werden, lauert bereits in der Nähe: Der kleine Sohn der Familie wird unter der Obhut des Ortsverbands von einer Mauer erschlagen. Und wieder muss das Leben trotz der gewaltigen Trauer weitergehen, bald gilt es, die Tochter zu verheiraten, was die gesamte Situation der Familie verbessert, in der sich schließlich die nächste Generation ankündigt, doch bei der Geburt von Fuguis und Jiazhens Enkelsohn ergeben sich tragische Komplikationen ...

Auf die Frage nach der Motivation, auch nach unsagbar schmerzlichen Geschehnissen einfach weiterzuleben, gibt der Film eine ebenso schlichte wie eindringliche Antwort: Hoffnung. Es ist die kaum ausgesprochene, doch ständig präsente Haltung dieser Hoffnung der Figuren darauf, dass irgendwann die Dinge ein wenig besser werden, immer wieder, was immer sich auch ereignen mag, die Leben! bestimmt und sich innerhalb der Dramaturgie wachsend zum obersten Prinzip entwickelt. Die Vorstellung einer Hoffnungslosigkeit schwebt wohl als Option über der Handlung, wird jedoch mit dem Argument energisch beseitigt, dass Leben an sich bereits Hoffnung bedeutet. Anfangs braucht es eine Weile, sich auf den gemächlich und lang angelegten Lauf der Geschichte einzustellen, deren Figuren mit ihrer existentiellen Banalität jedoch letztlich ein nicht geringes Potential an Identifikationspunkten entfalten, trotz ihrer besonderen gesellschaftspolitischen Situation in der so fernen Welt Chinas, denn ihre menschliche Dimension berührt den Zuschauer unabhängig von ihrer Ansiedlung im historischen Kontext.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/leben