Rotschühchen und die sieben Zwerge (2019)

Grün ist auch schön!

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

Zu sagen, dass Rotschühchen und die sieben Zwerge eher freestyle mit Motiven aus klassischen Märchen umgeht, ist vermutlich keine Übertreibung. Die sieben Zwerge aus dem Titel sind eigentlich keine Zwerge, sondern sieben Helden, die von einer Fee zu kleinen grünen Zwergen verwandelt wurden – jedenfalls sind sie das immer dann, was das Martyrium natürlich vergrößert, wenn sie jemand anderes ansieht. Ihre Eigenheiten haben sie behalten: Der eine kocht gut (und kämpft mit einer Bratpfanne), der nächste sieht gut aus (und verschwindet beim Kampf unter einer Tarnkappe) und so weiter.

Schon in der Einleitung um die sieben Helden/Zwerge deutet sich ein Grundthema des Films an. Denn die jungen, natürlich alle konventionell gutaussehenden Männer hatten sich den Zorn der Fee zugezogen, als sie sie für eine böse Hexe hielten und deswegen angriffen. Der Grund? Sie war grün und nicht normschön, und wer hässlich ist, muss böse sein, richtig?

Natürlich ist das nicht richtig, und der Film von Sung-ho Hong verbringt eigentlich seine gesamte Laufzeit damit, diese Botschaft immer wieder und bemerkenswert ungelenk ans Publikum zu bringen: Aussehen sagt nichts über den Charakter, konventionelle Schönheit entscheidet nicht darüber, ob man lieben kann oder geliebt werden kann. Das ist natürlich edel und wahr, zugleich aber wohlfeil und wenig originell. Was macht der Film nun daraus?

Kurz gesagt: Er kann sich nicht so recht entscheiden. Schneewittchen selbst ist ohne Schuhe ein wenig pummelig, aber immer noch sehr schön anzusehen, und im Übrigen stark genug, um große Felsbrocken zu bewegen. Die sieben Helden sehen auch in Klein und Grün natürlich gut und niedlich aus, unbeobachtet sind sie eher die 08/15-Schönlinge aus jedem dritten Märchenfilm.

Der Film versucht, etwas komische Funken daraus springen zu lassen, dass die Zwerge, allen voran der magisch begabte Merlin und Muskelmännchen Artur, Schneewittchen nur mit Schuhen (als „Rotschühchen“) kennen und erkennen, aber das gelingt nur sehr halbherzig; Prinz Mittelmaß (mit Betonung auf dem mittleren „e“, damit er nicht nach dem klingt, was er offensichtlich ist – noch so ein, pardon, mittelmäßiger Scherz) wird von Regina schließlich angeheuert, die acht Widerständler_innen einzufangen.

Was für ein Durcheinander an Figuren und Motiven! Und es wird alles nicht unbedingt besser durch das Gefühl, dass man eine ähnliche Konstellation – und eine ähnliche Moral von der Geschicht‘ – schon vor vielen, vielen Jahren in einem weit, weit entfernten Sumpf und deutlich amüsanter in Shrek – Der tollkühne Held gesehen hat. Da war das Grün anders verteilt, die Heldin nachts kräftig und tagsüber schlank, der Sidekick ein Esel, der Prinz auch nur ein Möchtegern.

Das ist alles sehr schade, denn Rotschühchen und die sieben Zwerge ist durchaus – ganz ohne ironische Drehung – schön anzusehen; Animationschef Jin Kim hat schon bei Pixar-Projekten mitgearbeitet und bei Baymax – Riesiges Robuwabohu, und die Erfahrung, die er und das Animationsteam mitbringen, zeigt sich in vielen Details. Die Actionsequenzen sind stimmig, immer wieder sind visuelle Gags dabei, die gut funktionieren, daran liegt es nicht.

Aber dem südkoreanischen Animationsfilm fehlt es sowohl an narrativem Fokus wie auch an letzter Überzeugungskraft, seine so nachdrücklich ausgesprochene Botschaft transportieren zu können. Denn die Figuren lernen nicht wirklich dazu, es fehlt ihnen an charakterlicher, dem Film an intellektueller Tiefe, um Körperlichkeit und Schönheit anders als, pardon, nur an der Oberfläche zu verhandeln.
Und Lippenbekenntnisse zum Thema Body Shaming haben wir ja nun auch schon genug. Da hilft es auch nicht, dass diese Lippen schön und elegant animiert sind.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/rotschuehchen-und-die-sieben-zwerge-2019