Kinsey

Porträt eines sexuellen Aufklärers und Wegbereiters

Kinseys Kindheit und Jugend war allerdings nicht gerade von Modernität und einer freien Art des Denkens geprägt, im Gegenteil. Sein Vater, im Film verkörpert von John Lithgow, ist ein äußerst strenger und harter Mann, der ihm immer wieder Verzicht und strenge moralische Prinzipien predigt und den sensiblen Jungen in ein enges restriktives Korsett aus Selbstkasteiung und absurden Theorien zwängt, das sich gegen jede Form des Fortschritts und der Erkenntnis erbittert zur Wehr setzt – selbst ein einfacher Reißverschluss gerät zum Hort des Bösen. Erst der Bruch mit dem Vater und die Hinwendung zur Naturwissenschaft bringen Kinsey schließlich auf seinen Weg, den er nun weiter verfolgen wird. Mit der gleichen Besessenheit, mit der sich der junge Biologe und Psychologe Kinsey auf die Varianzen der Gallwespe stürzt, wird er sich später dem Liebesleben der Gattung Mensch zuwenden und nach langen Untersuchungen zwei Bücher veröffentlichen, von denen vor allem das Werk über das Sexualverhalten der Frau einen Sturm der Entrüstung auslösen wird.

Die konventionell und gefällig inszenierte Biographie Kinseys, der von Liam Neeson als leidenschaftlicher Forscher und unbeirrbarer Wahrheitssucher dargestellt wird, unterbricht Regisseur Bill Condon (Gods and Monsters) immer wieder mit Einschüben der berühmten Interviews, mit deren Hilfe der Wissenschaftler die gesamte Bandbreite menschlichen Sexualverhaltens abzudecken versuchte. Manche der Geständnisse sind tragisch und rühren beinahe zu Tränen, weil sie die Last der tabuisierten und verdrängten Wünsche erahnen lassen, andere wiederum reizen zum Lachen oder schockieren ob ihrer Drastik, ohne dass der Film deswegen voyeuristisch wäre. Und es sind genau jene Szenen, die den Film über den Rang eines normalen Biopics herausheben und zu einer Reflektion über die Sexualität im Allgemeinen werden lassen. Auch werden Kinseys eigene Fehler nicht unter den Tisch gekehrt, sondern der Wissenschaftler und sexuelle Aufklärer muss sich durchaus an seinen eigenen Maßstäben messen lassen, ein Maßstab, der nicht immer zu seinen Gunsten ausfällt. Dass Kinsey nicht zur platten Heiligenverehrung ausartet, liegt vor allem an Condons behutsamer Regie und dem ausgewogenen und klugen Script und an Liam Neeson, den man selten in den letzten Jahren so gut gesehen hat.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/kinsey