Fremde Haut

Der Preis der Freiheit

Eine Filmkritik von Gesine Grassel

Die junge Iranerin Fariba (Jasmin Tabatabai) sitzt im Flugzeug, das sie aus dem Iran ins gelobte Deutschland bringen soll, in eine aussichtsreichere Zukunft ohne Verfolgung. Der Traum platzt bereits am Frankfurter Flughafen. Weil sie keine gültige Einreiseerlaubnis vorweisen kann, wird sie von den Beamten festgehalten und muss in einer Befragung den Grund ihrer Flucht aus dem Iran angeben. Während ein iranischer Übersetzer auf die Antwort wartet und der deutsche Grenzbeamte fast ein wenig Mitgefühl für die Frau mit den dunklen traurigen Augen entwickelt, steht für diese die Welt still. Nennt sie politische Gründe als Ursache, erhält sie im besten Fall ein Asylverfahren und kann vorerst in Deutschland bleiben. Den wahren Grund ihrer Ausreise vor den zwei Männern zu erklären, dazu ist sie nicht imstande: Fariba ist lesbisch. Darauf steht im iranischen Gesetzt die Todesstrafe. Vielmehr gilt sie als krank, soll geheilt werden. Doch sie kämpft, will ihr Schicksal nicht bedingungslos akzeptieren. Mit unbeugsamem Willen versucht sie ihren Platz im Leben zu finden. Leben statt Überleben. Im Übergangslager trifft Fariba auf Siamak (Navid Akhavan), einen Landsmann, der sich wenig später das Leben nimmt. Als sein Asylantrag genehmigt wird, zögert sie nicht lange und gibt ihre eigene Identität auf. Aus Fariba wird Siamak. Als Mann getarnt wagt sie den Schritt in die neue Freiheit. Diese besteht aus einem an der Autobahn gelegenen Flüchtlingsheim in der schwäbischen Provinz. Jede falsche Bewegung, jeder unkontrollierte Schritt könnten sie entlarven. Fariba schnürt sich die Brust ab, geht nachts alleine duschen und verbrennt das Foto ihrer Freundin. Um an Geld für einen gefälschten Pass zu kommen, der ihr den dauerhaften Aufenthalt in Deutschland garantieren soll, beginnt sie in einer Sauerkrautfabrik zu arbeiten. Illegal, in ständiger Angst von der Polizei aufgegriffen zu werden. In dem Familienbetrieb ist der seltsame Neue eine willkommene Abwechselung. Besonders Anne (Anneke Kim Sarnau) beginnt sich für den stillen Sonderling zu interessieren. Beim Kohlstechen auf dem Feld kommen sich die beiden näher. Als Anne einen gemeinsamen Ausflug vorschlägt, ist Fariba begeistert – hat sie doch längst Gefallen gefunden an Anne. Nach einem Kuss überschlagen sich die Ereignisse: Fariba soll abgeschoben werden. Aus purer Verzweiflung stehlen die zwei Frauen einen Leihwagen, um Fariba einen neuen Pass kaufen zu können. Endlich ist diese auch bereit, Anne ihre wahre Identität anzuvertrauen. Als die Probleme gelöst scheinen und zum ersten Mal die erträumte Zukunft zum greifen nahe ist, steht Annes Ex-Freund vor der Tür…

Fremde Haut ist ein Film, der unter die eigene Haut geht. Es braucht keine großen Worte, um diese minimalistisch erzählte Geschichte voranzutreiben. Der Film spielt mit kleinsten Hinweisen und entfaltet die eigentliche Schönheit durch intensive, kraftvolle und schöne Bilder. Mit viel Liebe zum Detail verliert sich Regisseurin Angelina Maccarone nicht in politischer Korrektheit oder beschönigten Bildern. Bei der Besetzung der Figuren beweist sie großes Geschick und einen Blick fürs Wesentliche. Unangefochten trägt Jasmin Tabatabai die Geschichte des zweifachen Exils: Fariba ist Ausländerin und flieht in die Identität eines Mannes. Sie verkörpert Fariba mit einer unglaublich kraftvollen Intensität, die den Zuschauer gefangen nimmt: In der Geschichte, in der Lebenswelt Faribas, in ihrem Schicksal. Authentisch, aber nie aufdringlich. Statt mit vielen Worten drückt sie sich durch Blicke, Gesten und Präsenz aus. Manchmal so überzeugend, dass die Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit weh tut.

Betitelt als politisches Drama, bewegende Liebesgeschichte und ungeschminkte deutsche Wirklichkeit ist Fremde Haut ein leidenschaftliches Statement für die Liebe und die Suche nach dem Platz im Leben. Ein Film, der emotional ist, ohne gefühlduselig zu sein. Ein ruhig komponierte Geschichte, bei der man lachen und weinen möchte. Manchmal sogar beides gleichzeitig.
 

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/fremde-haut