Accatone: Wer nie sein Brot mit Tränen aß

Donnerstag, 10. November 2005, 3sat, 22:25 Uhr

Formal in manchen Aspekten noch den Prinzipien des Neorealismo verpflichtet (zu sehen etwa in der Bevorzugung von Laiendarstellern und dem Drehen an Originalschauplätzen), bedeutet Accatone gleichzeitig auch eine radikale Abkehr vom beherrschenden Filmstil Nachkriegsitaliens. Es ist vor allem die Musik, die hier eine gänzliche neue Perspektive auf das Subproletariat der tristen Vorstädte imaginiert. Denn der Score, der gänzlich aus Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion stammt, überhöht den Kampf Accatones ins Religiöse und Erhabene, eine moderne Passionsgeschichte, die die Anprangerung sozialer Fehlentwicklungen mit einer Neuinterpretation der Leidensgeschichte Christi verknüpft. Drei Jahre später sollte ausgerechnet der tiefreligiöse Marxist Pasolini noch einen Schritt weiter gehen und mit seiner Filmversion des Matthäus-Evangeliums die beste und dem Ursprungstext nahestehendste Bibelverfilmung auf die Leinwand bringen. In der Person Pasolinis und in seinem Werk sind die scheinbar unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Christentum und Marxismus, zwischen Klassenkampf und Rosenkranz aufgehoben und werden so zum Prototyp einer frühen Form der Befreiungstheologie – italienisches Kino in seiner besten und reinsten Form.

Anlässlich des 30. Todestages des großen italienischen Regisseurs zeigt 3sat eine ganze Reihe von Filmen von und über Pier Paolo Pasolini.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/accatone-wer-nie-sein-brot-mit-tranen-ass-tv-tipp-der-woche